Pool of tears II © Staatliche Graphische Sammlung München, Schenkung der Künstlerin Kiki Smith, Courtesy Pace Gallery

Kiki Smith – Haut-Kunst

Die amerikanische Künstlerin Kiki Smith hat der Staatlichen Graphischen Sammlung München ein sehr großzügiges Geschenk gemacht, das jetzt dem Publikum präsentiert wird.

Die schiere Größe der Arbeiten bestimmt den Eindruck, wenn man als Besucher die Ausstellung Touch. Prints by Kiki Smith in den Räumen der Staatlichen Graphischen Sammlung im Erdgeschoss der Pinakothek der Moderne betritt. Zudem sind es Blätter, die dem Bereich zwischen den konträren Daseinszuständen von Leben und Tod zuzuordnen sind. Auch die beiden Folgeräume sind thematisch gegliedert. Die Arbeiten im einen Raum befassen sich mit der Welt des menschlichen Körpers, gefolgt von einem Raum, in den ein weiterer als begehbare, mit Durchbrüchen versehene Zelle eingebaut ist. In ihr werden kleinerformatige Werke präsentiert. Im quadratischen Ausstellungsraum Temporär 1 sind dann großformatige Blätter aus 40 Jahren künstlerischen Schaffens zu sehen, die sich auf unterschiedliche Weise thematisch mit Leben und Werk wie der Biografie von Kiki Smith auseinandersetzen. Der Eindruck einer gewissen Monumentalität stellt sich ein und Respekt davor, wie Kiki Smith mit ihrem Team solche bisweilen enormen Formate künstlerisch und drucktechnisch zu bewältigen weiß. Zu sehen sind mehr als 160 ausgewählte Arbeiten aus der Schenkung ihres druckgrafischen OEuvres, das Kiki Smith der Staatlichen Graphischen Sammlung München gestiftet hat.

Die Schenkung besteht in ihrer Gänze aus mehr als 800 Blättern und umfasst das druckgrafische Schaffen von Kiki Smith zwischen 1985 und der Gegenwart. Ein Museum in Europa beherbergt somit den weltweit größten Bestand an ihren grafischen Arbeiten. Wie kam die Graphische Sammlung zu dieser Ehre? Kiki Smith kam 1954 in Nürnberg zur Welt. Ihre Eltern, die Opernsängerin Jane Smith und der Bildhauer Tony Smith, hielten sich zu dieser Zeit in Europa auf. Der Dürerstadt, Bayern und Deutschland fühlt sich die Künstlerin dadurch verbunden. Vermittelnd im Hintergrund tätig war auch Barbara Gross, die seit Jahren das Werk von Kiki Smith in ihrer Galerie betreut und zeigt.

Von Menschen und Tieren

Eine künstlerische Ausbildung im akademischen Sinn hat Kiki Smith nicht abgeschlossen. Aus einer Ausbildung zur Rettungssanitäterin zieht sie ihre anatomischen Kenntnisse über den menschlichen Körper und seine Organe. Für ihr eigenes künstlerisches Beginnen Ende der 1970er-Jahre waren die Arbeiten und Biografien von Nancy Spero, Eva Hesse und Louise Bourgeois von Bedeutung. Zunächst dominiert die Befassung mit dem Inneren des menschlichen Körpers, das sie im aristotelischen Sinne entfaltet, etwa indem sie in Drucken das Gedärm zur Darstellung bringt. Das von ihr seither stets weiterverfolgte Thema der Haut, verstanden als Membran zwischen Innen und Außen, ist hier bereits präsent. Als Kiki Smith ihre jüngere Schwester durch Aids verliert, gelangen aktuelle gesellschaftliche Probleme und deren Verbindung mit der Körperlichkeit vermehrt in den Fokus der Künstlerin.

In den großformatigen Holzschnitten der Reihe »Mortal« begleitet Kiki Smith das Sterben ihrer Mutter. Sterben wird hier gesehen als transitorisches Geschehen, als eine eigene Form der Wandlung, dem die Linien der Holzschneiderin eine eigene Würde verleihen. Das faltenlose, junge Gesicht wirkt banal gegenüber der Falten- und Narbenlandschaft eines Gesichts kurz vor dem Übertritt in eine andere Welt. In den 1990er-Jahren wendet sich die New Yorkerin verstärkt der Tierwelt zu, wobei sie ein besonderes Faible für Vögel, Katzen und Nagetiere entwickelt. Mit unendlicher Geduld und Sorgfalt widmet sie sich jeder Feder und kommt jedes Härchen zu seinem Recht. Federkleid und Fell erscheinen auch hier als Membran, die die Außenwelt von der Innenwelt scheidet. Auch das Verhältnis von Menschen zu Tieren, ihren Haustieren wie zu den Tieren in der freien und offenen Natur, gerät der Künstlerin in den Blick. Dabei greift sie in jüngerer Zeit auch gerne auf Mythen- und Märchengestalten zurück, etwa wenn Alice, die Titelfigur aus Lewis Carrolls Märchen, im Teich der Tränen (Pool of Tears) den Zug der Tiere anführt. Diese monumentale, farbige Grafik in raffinierter Mischtechnik stellt übrigens einen der Höhepunkte der Ausstellung dar. 

Grafik als Membran 

Die Kunstwerke nicht mit den Fingern berühren, sich aber rühren lassen von dem, was sie aussenden, so lautet eine Maxime beim Museumsbesuch, auf die hier im Ausstellungstitel Touch angespielt wird. Sich anrühren lassen, Empathie zulassen, statt sich zynisch abzudichten und zu verhärten, kann durchaus als Maxime für die globalisierte Welt gelten. In der grafischen Welt von Kiki Smith mit ihren Blättern aus Papier, auf denen Botschaften aus Strichen, Kerben, Einritzungen, Einätzungen und Auflagen eingearbeitet sind, fallen Form und Inhalt nicht auseinander. Auch das Grafikblatt selbst lässt sich als Membran, als Haut verstehen. Diese Membran vermittelt aber weniger zwischen Innen und Außen als zwischen materiell und virtuell, zwischen Körper und Seele. Was diese Kunstwerke zu sagen haben, geht im metaphorischen Sinn unter die Haut.

Rüdiger Heise


Touch. Prints by Kiki Smith. Bis 26. Mai, Di-So 10- 18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Staatliche Graphische Sammlung in der Pinakothek der Moderne, Barer Str. 40. Informationen: www.pinakothek-der-moderne.de 

Der Katalog zur Ausstellung ist im Verlag Walther König erschienen. Er umfasst 256 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Herausgegeben von Michael Hering und Birgitta Heid, sind in ihm Beiträge von Katrin Holzherr, Anna- Sophia Reichelt, Nina Schleif, Franziska Stöhr, Susanne Wagini und Maggie Wright sowie ein Interview mit Kiki Smith enthalten. Der Katalog kostet 58,- €.

 

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