»Bacchantenzug« um 1896 © Münchner Stadtmuseum 

Carl Strathmann

Mit einer Einzelausstellung unternimmt das Münchner Stadtmuseum den Versuch, den Jugendstil-Künstler Carl Strathmann so bekannt zu machen, wie er es verdient.

Beim Publikum zählt der Jugendstil zu den beliebtesten Stilrichtungen in den Künsten. Ausstellungen zu seinen deutschen, französischen, italienischen oder spanischen Ausprägungen garantieren volle Häuser und auf Messen und Auktionen hohe Umsätze. Da verwundert es sehr, dass ein viele Jahre in München lebender und arbeitender, dem Jugendstil verpflichteter Künstler wie Carl Strathmann heute so unbekannt ist. Doch jetzt gibt es eine Gelegenheit zur nachhaltigen Veränderung dieses beklagenswerten Zustands. Das Münchner Stadtmuseum hütet den künstlerischen Nachlass Carl Strathmanns (1866-1939). Die kunsthistorische Forschung hat diesen Schatz bisher übersehen. Nun aber widmet das Stadtmuseum dem Künstler eine monografische Ausstellung, in der ihr Kurator Nico Kirchberger rund 150 Objekte präsentiert, die zumeist aus diesem Nachlass stammen. Darunter befinden sich Arbeiten, die bisher als verschollen oder zerstört galten. Für die Einzelausstellung wurden einige Werke restauriert. Erstmals seit den Lebzeiten Carl Strathmanns finden sie nun wieder den Weg zum Publikum.

Bohemien und Dandy

Carl Strathmann wurde am 11. September 1866 in eine großbürgerliche Düsseldorfer Kaufmannsfamilie hineingeboren. Erste künstlerische Impulse erhielt er von seiner englischen Mutter. Seine Ausbildung an der Düsseldorfer Kunstakademie verlief wenig glücklich. Wegen angeblicher »Talentlosigkeit« wurde er von ihr entlassen. An der Kunstschule Weimar setzte er seine Ausbildung fort. Nach dem Weggang seines Lehrers Leopold von Kalckreuth verließ auch Strathmann Weimar und zog 1891 nach München, dessen Bohème ihn anzog. Im München der Prinzregentenzeit freundete sich Strathmann mit Lovis Corinth an, der ihn 1895 porträtierte. Dieses repräsentative Halbfigurenporträt des Künstlers gehört dem Lenbachhaus und ist in der Ausstellung zu sehen. Die Entstehungszeit des Porträts markiert den künstlerischen Durchbruch Strathmanns. Mit seinem großformatigen Gemälde Salambo, das der Titelfigur von Gustave Flauberts Historienroman huldigte, erregte der Maler Aufsehen. Die rituelle Verbindung von Frau und Schlange sowie die luxuriöse Ausstattung des Bildes mit künstlichen Edelsteinen verstörten. Doch Carl Strathmann wurde dadurch eine bekannte Gestalt in München. Er arbeitete für bekannte Zeitschriften wie Pan, die Fliegenden Blätter und die Jugend. In den unterschiedlichen Münchner Künstlervereinigungen ging er ein und aus. Der schon kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs einsetzende Geschmackswandel ließ es ruhiger werden um diesen genuinen Jugendstilkünstler. Kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs starb Carl Strathmann am 29. Juli 1939 in München. Auf dem Waldfriedhof liegt er begraben.

Stilfragen

Als eine der Leistungen des Jugendstils darf die Reintegration der angewandten Künste in den Kunstdiskurs gelten. Auch Strathmann war nicht nur als Maler und Zeichner aktiv, sondern gestaltete ebenso Tapetenmuster wie Menükarten und entwarf eigene Möbel. Der Künstler war so in seine über die Bildfläche mäandernden ornamentalen Elemente verliebt, dass in vielen seiner Arbeiten eine eigentümliche Sujetauflösung erfolgt. Das Bildthema wird von den Details und kostbaren Nebensächlichkeiten aufgesogen. Auf der Bildfläche etabliert sich eine radikale Gleichberechtigung aller Teile. Elemente des Japonismus wie des Pointillismus kommen ihm wie gerufen. Seine Detailversessenheit erzeugt einen skurril-exzentrischen Personalstil, für den ihn seine Zeitgenossen rühmten und der ihm auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts neue Bewunderinnen und Bewunderer gewinnen dürfte.

Rüdiger Heise


Jugendstil skurril. Carl Strathmann. Bis 22. September, Di-So sowie feiertags 10-18 Uhr, Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1. Tel. (089) 23 32 23 70.

 

Carl Strathmann. Ein großer Meister des Jugendstils. Hrsg. Nico Kirchberger, mit Beiträgen von Julie Kennedy und Dorit Zvinyte. 240 Seiten mit 200 farbigen und 10 SW-Abb., Wienand Verlag Köln, ISBN 978-3-86832-508-9. Im Museum kostet der Katalog 29,90, im Buchhandel 39,80 Euro.

 

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