El Anatsui, »Logoligi Logarithm«, 2019, Ausstellungsansicht © EL ANATSUI, COURTESY OF THE ARTIST AND JACK SHAINMAN GALLERY, NEW YORK; MAXIMILIAN GEUTER

El Anatsui – »Second Wave«

Dem Bildhauer El Anatsui richtet das Haus der Kunst die erste Retrospektive in Europa aus.

Bis heute haben es Künstlerinnen und Künstler, die nicht aus den USA und Europa stammen, schwer, im vom Westen dominierten Museumssystem und auf dem Kunstmarkt Fuß zu fassen. Der Bildhauer El Anatsui, im vorletzten Jahr des Zweiten Weltkriegs im westafrikanischen Ghana geboren, musste auch 75 Jahre alt werden, bevor ihm in Europa eine bedeutende Institution, nämlich das Haus der Kunst in München, und ihr kürzlich früh verstorbener Direktor Okwui Enwezor eine umfangreiche Einzelausstellung widmen. Zwei Jahre zuvor war El Anatsui mit dem Praemium Imperiale ausgezeichnet worden. Der vom japanischen Kaiserhaus gestiftete, hoch dotierte Preis gilt gewissermaßen als der »Nobelpreis der Künste«. Ausgebildet an der Kwame Nkrumah University of Ghana, unterrichtete der Künstler bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2014 als Professor an der Kunstakademie von Nsukka in Nigeria. Die räumlich großzügigen Verhältnisse im Haus der Kunst haben El Anatsui inspiriert, seiner Ausstellung den Titel Triumphant Scale (Triumphierender Maßstab) zu geben. Nach der Station in München wird die Retrospektive ohne die spezifisch für die Münchner Verhältnisse konzipierten drei Großskulpturen auch in Doha, Bern und Bilbao präsentiert werden. Neben den Räumen im Ostflügel mit dessen monumentaler Mittelachse bespielt der Künstler auch den Außenraum, indem er mit seiner Installation Second Wave die Säulenreihe der Außenfassade tiefgreifend für die Ausstellungsdauer verändert. Auf witzige Weise nimmt der Titel auch Bezug auf die flüssigen Wellen, auf denen die Wellenreiter neben dem Haus der Kunst ihre Geschicklichkeit zeigen. Die Blechplatten für die Verblendung der Säulenreihe stammen aus einer Druckerei, teilweise sind sie unbenutzt, ein Teil der Platten ist aber auch mit Texten bedruckt. Sie werden für Kunstzwecke gewissermaßen recycelt.

Mit dem Begriff des Recycling ist ein Phänomen umschrieben, das El Anatsui in seinen Arbeiten immer wieder aufgreift. Von anderen Weggeworfenes sammeln er und seine Assistenten auf, um es im Kunstkontext wiederzuverwenden und es zugleich in seinen Bedeutung tragenden Aspekten zu transformieren. Es handelt sich dabei um Verschlüsse von Spirituosenflaschen, die vor allem von Europäern nach Afrika gebracht worden waren und dort vielfach seit den Zeiten der Sklaverei und des Kolonialismus als Nebenwährung dienten. Die Umwidmung der zu kleinen Metallplättchen flach geschlagenen Flaschenverschlüsse in Grundbausteine für monumentale Skulpturen berührt den Diskurs über den Kolonialismus wie auch denjenigen über die Kooperation, die Herrschaft wie die Solidarität. Die Metallplättchen werden mittels Kupferdraht in mühsamer Handarbeit zu teppich- und netzartigen Strukturen »verwoben«. So wird aus dem Kleinsten und Unbedeutendsten unter Mitwirkung vieler etwas Großes und mit Bedeutung Aufgeladenes – ein Kunstwerk und zugleich ein Dokument menschlicher Kooperation und Gesellschaftlichkeit. Die Plastik Logoligi Logarithm im Mittelsaal ist zu einem begehbaren Labyrinth gestaltet, das an zum Trocknen aufgehängte Fischernetze erinnert. Rising Sea ist eine teppich und wellenartige Plastik, die eine ganze Gebäudewand und Teile des Bodens bedeckt. Auch sie hat der Künstler auf die räumlichen Gegebenheiten des Ausstellungshauses exakt zugeschnitten. Zu den materialen Texturen hinzu treten jeweils die Texte der Titel, die der Künstler seinen Arbeiten gibt. Die Verbindung von Textur und Titel ruft weitere Bedeutungsebenen beim Betrachter auf, etwa bei Rising Sea die steigenden Meeresspiegel als Folge der globalen Erwärmung.

Die Netzplastiken aus den Flaschendeckeln prägen die Arbeit des Künstlers in den vergangenen beiden Jahrzehnten. Davor hat er sich aber auch intensiv mit den Werkstoffen Holz und Keramik befasst. Die Holzskulpturen zeigen, wie El Anatsui von den genuin afrikanischen Traditionen ausgeht und diese vor allem mit den europäischen Traditionen der Abstraktion verbunden hat. Interessant ist zu sehen, wie der Künstler zunächst mit Handwerkzeugen wie Schneide- und Stemmeisen arbeitet und dann zu mechanischen Bearbeitungsgeräten bis hin zur Kettensäge übergeht. Der partielle Einsatz von Einbrennungen wie auch von Farbe ist zu beobachten. Dekorative Elemente und solche aus afrikanischen Schriftsystemen wechseln einander ab. Bei den Keramiken kommt das Motiv der zerbrochenen Gefäße ins Spiel, die in ihrer Zerbrochenheit als Plastiken erkannt werden. An der Stirnseite des Ostflügels gestattet der Künstler dann Einblicke in seine Skizzenbücher. Der Betrachter wird Zeuge, wie sich manche Motive und Elemente daraus in autonome Kunstwerke, Zeichnungen und Radierungen verwandeln. Elias Canetti war es, der den Autor als »Hüter der Verwandlungen« bezeichnete. El Anatsui ist es als bildender Künstler.

Rüdiger Heise


El Anatsui. Triumphant Scale. Bis 28. Juli, Mo-So 10-20 Uhr, Do 10-22 Uhr, Haus der Kunst, Prinzregentenstr. 1. Tel. (089) 21 12 71 13.

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