Erwin Pfrang, »Requiem für V«, 2018 © ERWIN PFRANG 2019

Gedanken malen

Das Buchheim Museum in Bernried widmet Erwin Pfrang eine umfangreiche Einzelausstellung.

Lothar-Günter Buchheim war stets an einem lebendigen Museum interessiert. Er verstand das Museum nicht als Ort tradierter, längst eingeordneter Schätze. Insoweit lässt sich aus dieser Einschätzung ein Vorrecht für die ganz aktuelle zeitgenössische Kunst herauslesen. Doch auch im Buchheim Museum hat es einige Jahre gedauert, bis sich dieses Postulat einlösen ließ. Nun zeigt das Museum in seinem großen Sonderausstellungssaal erstmals Arbeiten eines Künstlers, der nicht mit Buchheim und seiner Sammlung in einem direkten Zusammenhang steht. Zudem werden die Gemälde Erwin Pfrangs, die in den letzten zehn Jahren in Catania auf Sizilien und in Berlin, wo der Künstler heute lebt und arbeitet, entstanden sind, erstmals überhaupt in einem Museum gezeigt. Erwin Pfrang malt und zeichnet auf realistische Weise, weil er den Realismus für ein Geheimnis hält, das partiell zu ergründen ist, aber wahrscheinlich niemals vollständig ergründbar ist. Das Reale ist ihm auch nicht einfach »gegeben«, sondern jeder muss es sich mit den Sinnen erarbeiten und aneignen. Erwin Pfrang, Jahrgang 1951 und gebürtiger Münchner, studierte in den 1970er-Jahren an der Münchner Kunstakademie bei dem Surrealisten Mac Zimmermann. Aber nicht Zimmermann, sondern Rudi Tröger prägte den jungen Künstler.

Seinen künstlerischen Durchbruch erzielte Pfrang zu Beginn der 1990er-Jahre mit seinen Zeichnungen zu dem Roman Ulysses und dem Erzählband Dubliners von James Joyce und wurde mit ihnen vor allem auch in den USA wahrgenommen. Der Ausstellungstitel Gedacht durch meine Augen ist dem Roman entnommen. Eine seiner Hauptfiguren – Stephen Dedalus – beschreibt mit diesem Motto seine Weise, sich die eigene Welt zu erzeugen. Pfrang bildet in seinen Arbeiten nicht die Welt ab im Sinne einer Abbildästhetik, sondern was via die Sinne, in erster Linie die Augen, in ihn hineinkommt, verwandelt sich in ihm zu Assoziationen und Gedanken, die seine Welt sind. Genau deshalb sind in den Arbeiten des Künstlers auch oft Widersprüchlichkeiten, Absurditäten und Paradoxien zu beobachten. Gewohntes wirkt völlig ungewohnt. Relationen und Größenverhältnisse der gemalten Figuren folgen einem inneren Bewusstseinsstrom und nicht gesellschaftlich vereinbarten Konventionen und Regeln. Den Außenseitern der Gesellschaft, aber auch vermeintlich leblosen Dingen wie Puppen und Stofftieren gilt seine Sympathie. Die Welt erscheint merkwürdig verkehrt und zunächst einmal von Zusammenhanglosigkeit geschlagen.

Durch die unterschiedlichen Größen von Figuren und Figurengruppen in Pfrangs Gemälden entsteht ein ganz spezifischer Raumeindruck, der von Dehnungen und Stauchungen geprägt erscheint. Es entstehen bei den Betrachtenden Sinninseln und Sinnbrachen. Die Horizontlinie ist oftmals stark nach oben verschoben, woraus sich für den Betrachter der Eindruck einstellt, er schaue von oben in eine Arena hinein. Die Landschaften um die Figuren wirken leer in ihrer alltäglichen Gewöhnlichkeit. Und doch folgt die Verteilung der Figuren einer sich bei längerem Hinsehen einstellenden Rhythmik. Die Komposition bringt scheinbar Zusammenhangloses in die einem Musikstück ähnliche Verlaufslogik. Pfrangs Herkunft aus einer Musikerfamilie scheint hier durch. Wer neugierig geworden ist auf die eigentümliche Welt Erwin Pfrangs, fahre zum Buchheim Museum oder begebe sich in die Galerie Jahn & Jahn im Gärtnerplatzviertel, die den Künstler vertritt und sein Werk in Ausstellungen zeigt. Rüdiger Heise


Erwin Pfrang. Gedacht durch meine Augen. Bis 23. Juni, Di-So und feiertags 10-18 Uhr, Buchheim Museum der Phantasie, Am Hirschgarten 1, 82347 Bernried am Starnberger See. Tel. (08158) 99 70 20.

 

Zum Seitenanfang