Der Herausgeber der »Zeit« Josef Joffe und sein neues Sachbuch »Der gute Deutsche« © Vera Tammen

Josef Joffe

Vom traumatisierten Waisenkind zur moralischen Supermacht

Die Geschichte der »Wiedergutwerdung« der Bundesrepublik Deutschland liest sich wie ein Bildungsroman: Als Waisenkind bindet sie sich nach dem Trauma vom Dritten Reich an die Westmächte, wird Gründungsmitglied der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und setzt sich für die materielle Entschädigung Israels ein. Die Zeit der Prüfung umfasst die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, die sozialliberale Ostpolitik sowie die Auseinandersetzung mit dem RAF-Terrorismus.

Das Erwachsenwerden schließlich beginnt für Josef Joffe, der mit Der gute Deutsche die »Karriere« der Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten nachzuzeichnen versucht, mit dem Gelingen der Wiedervereinigung. Die Ironie dieser Historie beschreibt der Herausgeber der Zeit in charakteristischer Manier: »Wilhelm II. und Adolf Hitler wollten die totale Herrschaft über Europa und scheiterten nach Abermillionen von Opfern – Finis Reich II und III. Merkel-Deutschland musste noch nicht einmal die Hand ausstrecken, geschweige denn einen einzigen Schuss abfeuern.« Joffe beschreibt die Erfolgsgeschichte griffig und pointiert, spart die Schattenseiten der Entwicklung aber nicht aus: Antiamerikanismus und Israelkritik seien die kompensierenden Begleiterscheinungen der Vergangenheitsbewältigung. Sein Fazit: Nach dem »coming of age« sei der moralische Auftritt als Staatsräson nicht nur unnötig geworden, sondern sollte durch einen neuen republikanischen Patriotismus ersetzt werden.


Josef Joffe: »Der gute Deutsche: Die Karriere einer moralischen Supermacht«, C. Bertelsmann Verlag, 256 Seiten, € 20,-, ISBN 978-3570103319.

 

 

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