Ksenia Ryzhkova alias Phrygia in „Spartacus“ (c) Wilfried Hoesl

Ein Rückblick auf die Ballettfestwoche 2019

Jewels am 11.04.2019 mit Ashley Bouder, Alina Somova und Vladimir Shklyarov

Zum ersten Mal seit Menschengedenken begann diese Ballettfestwoche am Bayerischen Staatsballett (BSB) ohne neue Premiere. Stattdessen ließ Ballettdirektor Igor Zelensky sie mit George Balanchines abstraktem Dreiteiler Jewels eröffnen, der 1967 am New York City Ballet entstand und im Herbst 2018 die fünfte und bisher jüngste Premiere seiner Amtszeit war. Jewels begann mit Emeralds (Smaragde) zu Musik von Gabriel Fauré in sanftem Smaragdgrün mit der Hommage an Paris als Ursprungsort des romantischen Balletts in den dafür charakteristischen langen Tutus. Hier wie in den beiden nachfolgenden Teilen riefen die Eröffnungsszenen in den originalen Bühnenbildern von Peter Harvey, die der Größe des Nationaltheaters perfekt angepasst sind, ebenso wie die Ensembles in Barbara Karinskas edelsteinbesetzten Kostümen bewunderndes Staunen hervor, denn in kristallinen Strukturen umgab ein präzise einstudiertes Corps de ballet die kommenden Solopartien.

Diese waren allesamt sehr solide getanzt und gefällig, funkelten aber ohne souveräne Vitalität nicht wirklich. In Rubies zeigte Ashley Bouwder als Erste Solistin am New York City Ballet, die sich auch um die Emanzipation von Tänzerinnen verdient macht, wie das von Balanchine vorgesehene Tempo nicht hastig, sondern selbstverständlich beherrscht und akzentuiert präsentiert wird, und phrasierte lasziv diesen jazzigen Teil zur Musik Igor Strawinskys auch mit einem Schuss humorvoller Selbstironie.

In Diamonds schließlich gastierte mit Alina Somova eine hochdekorierte Erste Solistin vom Ballett des St. Petersburger Mariinsky Theaters erstmals am BSB, ein Edelstein schon von Aussehen und Gestalt. Hochkultiviert und ohne Limits in den Extensionen zeigte sie schwebende Elevationen und durchgängig faszinierende Linien. Kraftvoll stand ihr mit ruhiger Präsenz Vladimir Shklyarov dynamisch zur Seite, in seinen Soli makellos springend. Und dynamisch tanzte sie auch, wobei sie jede ihrer idealen Bewegungen ausdrucksstark mit einem interessanten Subtext versah. So wurde dieser Abend nach der abwechslungsreichen Einbettung dieses Paares in die getragenen Formationen des Ensembles vor allem dank der Klasse einer Ballerina, die mit ihrem Partner alle anderen aufwertete, und dank der von Robert Reimer dirigierten Sinfonie Nr. 3 D-Dur von Peter Tschaikowski doch noch zu einem festlichen Auftakt dieser Woche.

Die Kameliendame am 12.04.2019 mit Anna Laudere und Edwin Revazov

John Neumeiers Kameliendame von 1978 ist mit seinen Einblendungen der Manon-Ebene ein neoklassisches Handlungsballett von filmischer Vielschichtigkeit und behauptet sich seit 1997 als Glanzstück im Repertoire des BSBs, zumal es in seiner Verschmelzung mit genial ausgewählten Kompositionen Chopins wie ein Wunderwerk wirkt. Wie bei der Wiederaufnahme im Januar 2019 tanzten Anna Laudere und Edvin Revazov vom Hamburg Ballett die Rollen von Marguerite Gautier und Armand Duval, jetzt aber in einem wesentlich besser vorbereiteten Zusammenspiel mit den hauseigenen Kräften. Nach einem von Séverine Ferrolier als Nanina konzentriert eröffneten Prolog traf Armand die Titelheldin im Theatre des Variétés.

Dort tanzte Kristina Lind als Manon mit sehr guter Technik im Trio ihrer Verehrer selbstbewusst und verführerisch, und Emilio Pavan ließ sich als ihr romantischer Liebhaber von ihr sichtlich beflügeln. Ausdrucksstark zeigten sich Anna Laudere und Ivan Revazov von dieser Spiegelung ihres Schicksals affiziert. Revazovs Trio mit Kristina Lind und Emilio Pavan war musikalisch und dramatisch geglückt. Auch Elvina Ibraimova als Prudence Duvernoy und Yonah Acosta als Gaston Rieux überzeugten als gut aufeinander bezogenes Paar, schon als sie mit Ibraimovas hoch schwingenden Ecartés im Haus Marguerites das Gegenbild zu dem Tanz zeigten, den Dustin Klein, allzeit geschäftig, als Graf N. von ihr erzwang. In Marguerites Boudoir schließlich wurde das Duett Anna Lauderes und Edwin Revazovs zum intensiven Narrativ von Marguerites und Armands Emotionen. In Momenten tänzerischer Klasse machten sie sichtbar, wie energisch er sie umwarb und sie, allmählich seiner jugendlichen Leidenschaft nachgebend, neu beseelt wurde.

Präzise Eleganz des Corps de ballet prägte die folgenden Bälle. Mit virtuosem Schwung erfreute die Ausflugsgesellschaft, an deren Spitze Prudence und Gaston brillant tanzten, Elvina Ibraimova mit dem Strohhut des für alle Späße zu gewinnenden Bühnen-Pianisten Simon Murray überaus neckisch. Yonah Acosta verfolgte sie mit dem stolzen Blick des Besitzers, ehe er seine Variation tänzerisch und komödiantisch ausreizte. Als Herzog setzte Zachary Catazaro dem munteren Treiben auf seine Kosten mit ruhiger Autorität ein Ende, und nach Marguerites Bekenntnis zu Armand sind beide endlich allein. In diesem Pas de deux bildeten Anna Laudere und Edwin Revazov tänzerisch eine glückliche Einheit, sie sah wie im Traum noch einmal die Möglichkeit der Liebe vor sich, diesmal der richtigen, und er war befriedigt am Ziel seiner Träume. So schienen sie in eine goldene Zukunft zu laufen, da brachte Nanina den Brief seines Vaters, der alles verändert. Norbert Graf spielte ihn mit souveräner Güte, zeigte, dass Monsieur Duval für Marguerites Kampf um ihre Liebe zu gewinnen gewesen wäre – da brach eine Vision Manons, die Marguerite ihr früheres Leben bewusst macht, ihren Willen, und sie entsagte dem Sohn aus guter Familie. Das war großartige Dramaturgie, von beiden dramatisch vermittelt. Von da an nimmt Marguerites Tragödie ihren Lauf, von da an waren aber auch gegenüber der großen Aufführungstradition, die John Neumeiers Kameliendame am BSB hat, manche wenn auch kleinere tänzerische Einbußen unübersehbar.

Onegin am 13.04.2019 mit Natalia Osipova und David Hallberg

Auch zu Onegin waren illustre Gäste geladen. Gleichzeitig debütierte Dmitrii Vyskubenko als Lenski, dessen Variationen er makellos mit guter Musikalität absolvierte. Seine Verliebtheit in Olga, die Laurretta Summerscales mit hohen Beinen zum freudigen Zentrum im Kreis ihrer Freundinnen machte, markierte er zum Teil noch, wird das aber sicher bald mehr aus dem Inneren spielen. Dann trat David Hallberg als Titelheld auf, automatisch die Augen auf sich ziehend, spielte eindrucksvoll Onegins Verstrickung in gelangweilte Selbstbezogenheit, landete aus hohen Sprüngen mit schnellen Drehungen samtweich und ging nahtlos in detailreiches Rollenspiel über. Natalia Osipova zeigte sich als Tatjana von dieser Erscheinung wie vom Blitz getroffen. Acht Tänzer vom Corps de ballet sorgten für russisches Kolorit, acht Tänzerinnen für Anmut im Reigen. So wurde mit Laurretta Summerscales und Dmitrii Vyskubenko voran schon die Vorbereitung von Tatjanas Geburtstag im Garten Madame Larinas, in deren Rolle Séverine Ferrolier mit flüchtigen Zeichen alles sehr umsichtig lenkte, ein schwungvolles Fest. Im zweiten Bild sah man Osipova als eine in ihrem Schlafzimmer mit sich kämpfende Tatjana, die ihre Emotionen gut lesbar machte. Durch ihr Traum-Erleben trug sie zur Dramatik von Onegins Erscheinen viel bei. Dann flogen beide nur so dahin, und man nahm die technischen Schwierigkeiten, die sie bewältigen mussten, kaum wahr. Beim Aufwachen aus dem Traum spielte Osipova überzeugend, dass dieser berühmte Pas de deux, den man gerade gesehen hatte, der Inhalt von ihrem Brief an Onegin war.

Im 2. Akt aber begann sich auszuwirken, was Osipovas Temperament, das sie eher für Rollen wie die der widerspenstigen Katharina oder der Kitri in Don Quijote prädestiniert, verhindert, wenn sie es nicht verinnerlichend zurücknimmt. Als Beispiel mag das Bild nach dem Duell dienen, als Onegin nach Lenskis Erschießung vor der wie ein Mahnmal stehenden Tatjana verzweifelt in die Knie geht. Es konnte wegen Osipovas bisheriger bis zur Zerfahrenheit gesteigerter Dynamik nicht so monumental wirken wie sonst. Ihr Stil harmonisierte auch in anderen Szenen nicht mit dem filigranen Rollenspiel David Hallbergs, was oft ein Preis dafür ist, wenn man große Namen aus verschiedenen Ländern zu einem gemeinsamen Gast-Auftritt einlädt, die sonst keine Gemeinsamkeit haben.

Der 3. Akt zeigt Tatjana bekanntlich zehn Jahre später als Gattin des Fürsten Gremin. Auf dem Ball, den er in St. Petersburg gibt, entfaltete das Ensemble elegante Pracht im Tanz der Aristokraten und Schönen. David Hallberg durchglitt in Onegins Vision mit raumgreifenden Sprüngen und schnellen Drehungen dessen Jugend, in der ihn viele Frauen umgaben, doch hier stand er vereinsamt im Abseits. Vor seinen Augen zelebrierte Zachary Catazaro als Gremin mit Tatjana den reifen Tanz eines langjährig vertrauten Ehepaars, doch im Pas de deux mit Osipova berührte ihr geschmeidiger Tanz im zarten Gefühl für den Gatten weniger als gewohnt, und beim Anblick Onegins nahm sie von ihm keine erkennbare Notiz. In ihrem Boudoir war das Timing zu spät, als sie Onegins Brief las, und ihr Abschied von Gremin, den die Pflicht ins Feld ruft, war leidenschaftlich statt ängstlich besorgt. Während David Hallberg in Onegins Kampf um Tatjana in plastische Posen des Ausdrucks fand, passten ihre abrupten Bewegungen damit nicht zusammen, sondern machten den Schluss-Pas de deux zu einer zu wilden Rauferei für ein so großes inneres Drama. Statt finaler Ergriffenheit blieb die Frage: Wie kann man mit so viel äußerer Agilität in tiefe Verzweiflung geraten?

Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung am 14.04.2019

Die Kleinen der Ballettakademie machten präzise und synchron den Norwegischen Tanz von Evgenia Snatkova-Werscheslova dank ihrer bereits ausgeprägten darstellerischen Ambitionen zu einem liebenswerten Auftakt. Ivan Liska, der künstlerische Leiter des Bayerischen Jugendballetts München ( BJBM), hatte schon im Programmheft erklärt, dass es darauf ankomme, mit den Jüngsten, den Studierenden der Ballettakademie und dem BJBM den Tanz in seiner ganzen Vielfalt zu zeigen und eben durch diese Vielfalt auch die Persönlichkeiten junger Tänzer zu fördern. Die Individualität des Einzelnen innerhalb einer humanen Gesellschaft könne Motto einer Bosl-Matinee sein. Deren Zweck sei es, heranwachsenden Talenten die Möglichkeit zu geben, dass sie schon ihre ersten Schritte vor großem Publikum zeigen.

Vom BJBM tanzten sechs Tänzerinnen und Gillian Fitz als Solistin den Pas de sept bohemiens aus Marius Petipas Paquita-Version von 1882, die Alexei Ratmansky noch unter Ivan Liskas Direktion am BSB rekonstruiert hatte. Sie bewältigten die beträchtlichen Schwierigkeiten der Schrittkombinationen mühelos, wahrten anmutig den verhaltenen Stil und nutzten sicher den Raum, um ihn für Soli zu öffnen, die mit Engagement-würdiger Qualität charmant präsentiert wurden. Im Anschluss daran präsentierte Jan Broeckx, der Leiter der Ballettakademie, seine Studenten Victoria Svetlana Roemer und Maksym Palamarchuk in Bittersweet Carousel. Beide tanzten diesen Pas de deux von David N. Russo, der wiederkehrende Streitigkeiten eines Paares thematisiert und in seiner kraftvollen, modernen Tanzsprache auch komplizierte Hebungen fordert, jederzeit spannend und erhielten starken Applaus.

Mit der Suite aus dem Ballett Laurentia kehrte die Ballettakademie der Hochschule für Musik und Theater nicht nur zur klassischen Form zurück, sondern stellte auch ihr VOLTA Ensemble vor, das kürzlich zur Begleitung von Tanzprojekten gegründet wurde. So gewannen auch elf Musikstudent*innen praktische Erfahrung, indem sie Alexander Kreins Musik in einer von Dirigent Mark Pogolski für Kammerorchester umgeschriebenen Version spielten. Die Choreografie des Georgiers Wachtang Tschabukiani wurde 1939 im heutigen Mariinski Theater in St. Petersburg uraufgeführt. Sie basiert inhaltlich auf Lope de Vegas Drama Fuente Ovejuna, dessen Titel ein kastilisches Dorf nennt, dessen Einwohner sich 1476 gegen einen adligen Guts- und Gerichtsherrn erhoben, der junge Frauen missbrauchte. Für die Einstudierung war Nina Ananiashvili, ehemals Startänzerin an den wichtigsten Häusern der Welt und heute Direktorin des State Ballet of Georgia, die als Mitarbeiterin Tschabukianis Laurencia aus erster Hand kennt, nach München gekommen. Die Suite zeigt das beginnende Liebesverhältnis zwischen Laurencia, die ausdrucksvoll und hochmusikalisch von der zierlichen Risa Yatsuki getanzt wurde, und Frondoso, in dessen Rolle sich Jurgen Rahimi sprungstark als kraftvoller Partner bewährte. Von Freundinnen und Freunden in ihren synchronen Quartetten und Trios über ein zweites Solopaar bis zum Hauptpaar gestaffelt, verbanden alle temperamentvoll saubere klassische Technik mit Akzenten spanischen Tanzes. Hoher Aufwand und voller Einsatz führten zu einem spektakulären Resultat!

Nach der Pause folgten drei Stücke, die acht Tage vorher uraufgeführt wurden. Xin Peng Wang, seit 2003 Ballettdirektor am Theater Dortmund, schuf die Choreografie Im Wald, in der sieben junge Tänzer des BJBM das Urwüchsige aus sich herausholen sollten. Zu Musik der Französin Camille Pepin, die nach dem Weltbild der tibetanischen Religion verschiedene Energiequellen umspielte, zeichnete er zwischen athletischen, eruptiv getanzten Soli und organischen Gruppensequenzen des sich im Wind bewegenden Waldes sowohl einen Zyklus der Zivilisation als auch das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft. Für die Ballettakademie wiederum tanzten In Maged Mohameds Chamber Colours sechs Tänzer*innen in wechselnden Konstellationen und manchmal auch unisono. Sein Kaleidoskop sich voneinander unterscheidender Individuen glich einem Vulkan, der von Bewegungsphantasie sprühte, und auch dank der bunten Farben der Kostüme von Louise Flanagan ging darin kein Individuum verloren. In grauen Alltagsanzügen zeigten schließlich neun Tänzer*innen des BJBM in ihrem Stück Individuell, das sie mit Peter Leung kreiert hatten, den Weg zu persönlicher Entfaltung. Kaum brach einer aus, wurde er vom Kollektiv aufgesogen, doch der Widerstand gegen die Vereinnahmung wuchs. Dem Einzelnen, der anders tanzte, folgte jede(r) andere sich individuell vortastend. Doch die Einheit wurde lebendiger, Partnerschaften entstanden, in denen einer dem anderen half, bis sich Einzelne unter Beteiligung aller hervortaten. Die Individuen entwickelten Mut und Selbständigkeit in der Gemeinschaft, wie es in der Musik von Goreckis Divertimento angelegt ist. – Von den Grundlagen zur Vollendung bestätigten diese drei Uraufführungen das Konzept, mit dem sowohl die Ballettakademie als auch das BJBM ihre jungen Talente in ihrer Persönlichkeit stärkt. Der hohe technische Standard und die dramaturgisch wohlüberlegte Vielfalt des Programms dieser Matinee sorgten innerhalb der Ballettfestwoche für ein Highlight.

Der Widerspenstigen Zähmung am 14.04.2019

Als Stargast für die Rolle des Petrucchio hatte Ivan Vasiliev verletzungsbedingt absagen müssen, und so nutzte das BSB die groß besetzte John-Cranko-Komödie zum ersten Leistungsnachweis ohne Gäste. Nach dem amüsanten Werben der drei Freier um die liebenswerte Bianca verstand es Laurretta Summerscales als Katharina, sofort hellwache Aufmerksamkeit dafür zu wecken, dass man keine ihrer garstigen Attacken auf Bianca und deren Freier verpasste. Die fanden lädiert in einer Taverne zusammen, wo bald, völlig verwildert, Petrucchio eintraf. In dessen Rolle imponierte Yonah Acosta mit Sprüngen und Pirouetten, ehe Séverine Ferrolier und Elisa Mestres als resolute Freudenmädchen ihn bis aufs Hemd ausraubten. Seine wüste Kraft selbst in betrunkenem Zustand aber brachte die gezausten Freier auf die Idee: „Den könnten wir neu ausstatten und Katharina bändigen lassen!“ Reaktion von Petrucchio: „Eine Frau und Geld noch dazu? Das gefällt mir!“ Mit diesem Auftakt, den alle pantomimisch gut verständlich machten, kam die Handlung schwungvoll in Gang und rief immer mehr Lachen hervor.

An den konkurrierenden Freiern gefiel, wie unaufgeregt Ariel Mercouri bei seinem Debut als Hortensio die Komik des Lautenspiellehrers anging und wie wirkungssicher Javier Amo die Exaltationen des kakophonen Gremio tanzte und spielte. Jonah Cook gewann mit blitzsauberer, charmant dargebotener Technik als Tanzlehrer Lucentio die Gunst von Bianca, denn die Tanzkunst – das gehört zum Ballett – steigert ihr Lebensgefühl. Dies ließ Kristina Lind als arglos verspielte jüngere Schwester anmutig erkennen. Im späteren Pas de deux, dem Vorzeichen kommenden Glücks, tanzten beide harmonisch in schönen klassischen Linien, aber wegen kleiner technischer Schwierigkeiten ohne überschießende Emotion. Dann war an Crankos großartigem Zähmungs-Pas de deux schon die Heftigkeit lustig, mit der Laurretta Summerscales und Yonah Acosta aufeinander prallten. Allmählich begann sie aber seinen Bewegungen zu folgen und gut nachvollziehbar Harmonie zu empfinden, weil er aus gleichem Holz geschnitzt ist wie sie. Nach seiner Demonstration, wie zahm Katharina jetzt ist, ließ Petrucchio den Vater, die Schwester und die Freier ungläubig zurück, doch sie sann ihm verträumt nach. Von dieser gut dargestellten Begebenheit verbreiteten sich die Gerüchte auf der Straße, ehe man zur Hochzeit in Baptistas Haus einzog. Das Ensemble der zwölf Paare und die sechs Brautjungfern stimmten im Gefühl der Vorfreude mit glänzendem Tanz auf das Hochzeitsfest ein, doch mit einer hochvirtuosen Variation trieb Yonah Acosta Petrucchios ungehobelten Auftritt auf die Spitze, ehe er Katharina nach grotesker Trau-Zeremonie aus dem allgemeinen Durcheinander entführte.

Denn es bedarf weiterer Zähmung, wie der Ritt durchs Gewitter zu Petrucchios Haus unterstrich. Dort zeigte sich das präzise tanzende Quartett der Diener ausgesprochen manierlich, bis der Hausherr sie bat, zu Schreckgespenstern zu werden. Katharina ist beim Empfang durch sie konsterniert, muss frieren, hungern und vor gelöschtem Kaminfeuer schlafen. Am nächsten Morgen bleibt ihr nichts übrig, als Petrucchios Hirngespinsten zu folgen, und daraus ergibt sich ein glückliches Frühstück und Sonnenschein auf der Reise zurück. Nach einem vorzüglichen Pas de six steht bei der Dreifachhochzeit von Hortensio, Gremio und Lucentio mit Bianca alles unter umgekehrten Vorzeichen. Dabei imponierte Laurretta Summerscales mit ihrer Rollenentwicklung von der garstigen, mit Feuerhaken statt gestreckten Füßen tanzenden „Schraube“ zu einer Edelfrau an der Seite des ebenfalls edlen Petrucchio, dem Yonah Acosta nach wilden Tänzen inmitten eines passionierten Ensembles alle Sympathien gewann.

Spartacus am 15.04.2019

Den größten Klassiker des sowjetischen Balletts, nach jahrzehntelanger Vorgeschichte von Yuri Grigorovich unter Beibehaltung der melodisch-mitreißenden Musik Aram Chatschaturjans 1968 am Moskauer Bolschoi-Theater neu choreografiert, machte Igor Zelensky als Direktor des BSB 2016 zur ersten Premiere seiner Amtszeit, damit sein neues Ensemble am technischen Anspruch dieses Mammut-Balletts wachse, das mit etwa 70 Akteuren besetzt ist.

Trotz seines ideologischen Ballasts wurde dieser Abend tänzerisch zum Genuss. Schon die bombastische Ouvertüre ließ im energischen Tempo, zu dem Karen Durgaryan das Bayerische Staatsorchesters trieb, dramatische Härten erwarten. Auch dank des Bühnenbilds und der Kostüme von Simon Virsaladze imponierte der Auftritt des Crassus vor Legionären und Feldzeichen – plakativ, wie es russische Propaganda verlangte. Den römischen Feldherrn verkörperte Emilio Pavan gebieterisch mit kraftvollen Sprüngen. Je zehn gefangene Thrakerinnen und Thraker tanzten homogen ihre pathetische Klage, von 16 Soldaten bewacht. Als Titelfigur erschien Osiel Gouneo in Ketten, gegen sein Schicksal virtuos aufbegehrend. Klagend tat sich auch Aegina, seine Geliebte, als langgliedrige Schönheit hervor. Auf dem Sklavenmarkt grausam von ihm getrennt, tanzte Ksenia Ryshkova eruptiv ihre Verzweiflung und verband dabei Pathos mit exzellenter Technik. Als Gegenbild folgte die dekadente Orgie in der Villa des Crassus, der dort mit seiner Kurtisane Phrygia einen lüsternen Pas de deux tanzt. Prisca Zeisel verkörperte Phrygia dynamisch exaltiert auf hohem tänzerischem Niveau, ehe sie wegen Crassus´ Gefallen an Aegina plausibel zu rasender Eifersucht fand, umgeben von zügelloser Wollust des Ensembles. Grausam befahl Crassus einen Gladiatorenkampf, bei dem Spartacus gezwungen war einen Gefährten zu töten. Um diese Zwangslage künftig zu meiden, wiegelte er seine Leidensgenossen auf. Osiel Gouneo machte ihn mit grandiosen Variationen zur strahlenden Gestalt des Helden der Revolution.

Vom Beginn dieses Aufstands der Gladiatoren bis zu seiner Niederschlagung kamen Gewalt, Gier, Intrigen und die Psychologie der Macht ebenso zur gelungenen Darstellung wie Liebe, Gerechtigkeitsempfinden und Sinnlichkeit. Festzuhalten bleibt, dass das gesamte Ensemble, von den fünf Kurtisanen über die Mimen und Sklavenhändler bis zu Legionären und Sklaven mit seiner synchronen Präzision und Dynamik ganz stark war. Emilio Pavan, der mit seinen Aufgaben rasant wächst, erfüllte mit seinem passionierten Einsatz die an die Rolle des Crassus geknüpften Erwartungen und beeindruckte mit dessen erbarmungsloser Machtdemonstration. Prisca Zeisel machte den Charakter der ehrgeizigen Aegina mit schlangenhafter Virtuosität sichtbar und entwickelte klar ihre Intrige. Ksenia Ryshkova, als Geliebte des Spartacus eine ideale Besetzung, war tänzerisch großartig und berührte mit der Darstellung ihres Schicksals. Osiel Gouneo gehört in der Titelrolle mit seiner fulminanten Dreh- und Sprungfähigkeit, die er im nächsten Moment völlig ruhig kontrolliert, und mit seinem verbesserten Rollenverständnis weltweit zur ersten Wahl. Auch ohne Spartacus außerhalb des BSB gesehen zu haben, darf man zweifeln, ob dieses sowjetische Tanzdrama gegenwärtig an anderen Häusern besser getanzt wird.

Portrait Wayne McGregor am 17.04.2019

Vom wuchtigen Tanzspektakel fand die Ballettfestwoche über den Publikums-Hit Alice im Wunderland zu einem subtilen zeitgenössischen Dreiteiler, in dem viele nun schon bewährte Namen auf dem Besetzungszettel erfreuten. Kairos, 2015 von Wayne McGregor in Zürich choreografiert, machte gleich zu Beginn in stroboskopischem Licht hohe moderne Tanzqualität sichtbar. Ein Paar brach zur Musik von Max Richter, der Motive aus Vivaldis Vier Jahreszeiten verfremdet, verzerrt und zu repetitiven Sequenzen gedehnt hat, wiederholt die akademische Linie oder folgte ihr fließend. Nach einem vorzüglichen Solo tanzten ein weibliches Quartett und ein männliches Quintett unisono oder individuell, sodass an unterschiedlichen Umsetzungen in Bewegung die Impulse und Klangqualitäten der Musik variantenreich sichtbar wurden. Was in fließend wechselnden Formationen zusammengehörte, wurde durch synchrone Präzision klar. Yonah Cooks Solo wie auch sein Pas de deux mit Laurretta Summerscales unterstrichen McGregors Reichtum an Bewegungsfindung ausdrucksvoll. Raffinierte Beleuchtung von Lucy Carter erzeugte den Eindruck, dass die Tänzer zwischen riesigen Seiten der Partitur zur Einheit mit der Musik wurden. Die Körper von Emilio Pavan und Kristina Lind bildeten bei der visuellen Wiedergabe der Musik eine Einheit, genau wie die anschließenden Trios, doch alles, was die elf Tänzer*innen vorzüglich aufbauten, verflüchtigte sich wieder schnell – genau wie ein Kairos, der „richtige Zeitpunkt“.

Mit Sunyata folgte McGregors 2018 geschaffene Auftragsarbeit für acht Tänzer*innen des BSB. Der Titel verweist auf das buddhistische Konzept der Leere, auf einen Raum, in dem über das Negative hinaus das Potenzial zur Entstehung von Kreativität liegt, in dem sich alles gegenseitig bedingt und nichts in seiner Existenz fest ist. Dem entspricht im Bühnenbild, das McGregor mit Catherine Smith entwarf, ein riesiger Kreis, der in die gigantische Vergrößerung von sechs persischen Miniaturen integriert ist und Farbe wie Helligkeit wechselt. Die Choreografie stützt sich sowohl auf Kaija Saariahos sphärisch-unwirkliche Musik für Orchester und Elektronik als auch auf den Bezug zu Texten des persischen Mystikers Rumi. Ksenia Ryshkova eröffnete kultiviert und tanzte dann mit Prisca Zeisel, Kristina Lind und Elvina Ibraimova ein exzellentes Quartett. Ihr Pas de deux mit Jonah Cook, ein Männer-Quintett und andere Formationen begannen in ihrem Fluidum beliebig zu wirken, und doch entfalteten sie zur Musik unter der Leitung von Koen Kessels einen magischen Sog. Manchmal schien sich Sunyata nach bekanntem Strickmuster beliebig zu verlängern, doch dank immer neuer stupender Bewegung und einer sich ständig transformierenden Skulptur der sich umgruppierenden Tänzer verlor sich das Stück aus seiner faszinierenden Sphäre in ein versöhnliches Nichts.

Borderlands schließlich, 2013 am San Francisco Ballet entstanden, bewies, dass weder die zuweilen vermisste Stringenz noch ein erkennbares Ziel nötig sind, wenn Tanz wirklich stark ist. McGregor nutzte bei dieser Untersuchung von Grenzzuständen im Tanz immer ein Gegenüber, gegen das man sich abgrenzen kann oder mit dem man Schnittmengen fühlt. Ein dichtes Hellblau füllte im Lichtdesign von Lucy Carter geradezu plastisch die Bühne und ging in wärmere Rottöne über. Mit dem Synthesizer-Sound der Komponisten Joel Cadbury und Paul Stoney entstand ein unwirklich wirkender Kunstraum, in dem Ksenia Ryzhkova den scharfkantig-kühlen Tanz der Körpererkundung begann. Man müsste eigentlich alle zwölf Tänzer*innen nennen, die so einfühlsam und präzise mit ihrer Kraft den Raum prägten, doch eine Steigerung war, wie Ryzhkova und Dmitri Vyskubenko zu ruhigeren Klavierklängen einen Pas de deux tanzten, in dem jeder Augenblick bannte und ein Partner den anderen fand. Welch eine Biegsamkeit, in jedem Moment souverän! In dieser Qualität ging es weiter bis zu einem traumwandlerischen Solo Osiel Gouneos, der den Raum erkundend mit dessen Atmosphäre verschmolz. Als das Enigmatische transparenter zu werden schien, trieb der elektronische Sound wieder zu hoher Dynamik und scharfer Präzision in fast akrobatischen Posen. Ein sich endlos entfaltender Erfindungsreichtum, virtuos und hochmusikalisch getanzt, prägte das Resultat dieser Beschäftigung des BSB mit McGregor.

Anna Karenina am 18.04.2019

Am letzten Abend der Ballettfestwoche stand mit Anna Karenina die dritte Premiere aus Igor Zelenskys Amtszeit auf dem Programm, wieder ein russischer Stoff, den Christian Spuck 2014 beim Ballett Zürich von über 1.300 Seiten Weltliteratur auf knapp zwei Stunden Choreografie komprimierte. Auf den Bällen der Aristokratie in St. Petersburg und Moskau bot das Corps de ballet wieder mit Präzision einen eleganten Hintergrund. Ksenia Ryzhkova tanzte als Titelheldin in dem Bewusstsein, dass sie die Schönste aller Anwesenden ist, mit weit ausladenden Schwüngen, die so gar nicht in das enge Korsett der Konvention passten, mit der sie ihr Ehemann liebt. Diesen hohen Beamten Karenin verkörperte Emilio Pavan in steifer Reserviertheit, die auch rigoros gebieterisch werden konnte. Auf ihn reagierte Anna Karenina nur noch geradezu statisch. Dagegen beeindruckte Graf Wronskis Leidenschaft sie, mit der Jonah Cook sie in fließenden Bewegungen beharrlich umkreiste. Toll, wie sich beim Wiedersehen beider ihr herrliches rotes Kleid (Kostüme: Emma Ryott) bei Ryzhkovas hohen Ecartés wie ein Fächer aufschwang, ehe sie seine Leidenschaft erwiderte! Doch schnell entsetzte sie dieser Bruch in ihrem Leben und sie verabschiedete den Geliebten. Bei einem Pferderennen aber verriet ihr Aufschrei bei Wronskis Sturz ihre Liebe zu ihm. In einem kämpferischen Pas de deux der Eheleute machte Emilio Pavan klar, dass es Karenin zunächst darum ging, sie vor den Augen der Öffentlichkeit zur Kontenance und dann zu Hause zur Erfüllung ihrer ehelichen Pflicht zu zwingen. Ryzhkova zeigte gut, wie Annas völlig entgegengesetztes Temperament sie zur Trennung von ihm trieb.

Da Lew Tolstois Roman alle Lebensbereiche umfasst, kann als Zäsur dramatischer Verhältnisse in der Gesellschaft eine Idylle auf dem Landgut Lewins folgen, Lew Tolstois Alter Ego. Wunderbar wurden neun Tänzer beim formalisierten Sensen des Getreides zu einer kunstvollen Gruppe, an deren Erntearbeit sich Lewin beteiligt, um seinen Kummer über die ihn zunächst abweisende Kitty zu überwinden. Junhao Zhang tanzte ihn verhalten im Hintergrund der von Laurretta Summerscales mädchenhaft temperamentvoll verkörperten Kitty, doch in einem ausdrucksvollen Pas de deux fanden beide den Weg zu ihrer Liebe. Im Hause Karenins dagegen versucht ein von allen drei Hauptcharakteren dramatisch getanztes Trio zu klären: Gehört Anna aufgrund ihrer Ehe zu Karenin oder wegen ihrer Liebe zu Wronski? Dass die Leidenschaft dieser beiden keine Basis hat, wird bei ihrem Italien-Aufenthalt offensichtlich. Den dortigen Pas de deux mit deutlichen Anleihen bei John Neumeiers Kameliendame tanzten Ksenia Rhyshkova und Jonah Cook vorzüglich, aber über das Tänzerische hinaus nicht mit genügend eigenem Erleben, sodass sich dies kaum auf die Zuschauer übertrug. Erste Gedanken Annas an den zurückgelassenen Sohn brachten den Fluss ihres Tanzes ins Stocken, und das imaginäre Erscheinen des kleinen Serjoscha an der Hand von Vater Karenin und Lidija Iwanownas macht den Grund dafür sichtbar. Diese streng religiöse Gräfin ist es, die nach Annas Rückkehr aus Italien eine sich zwischen den Gatten anbahnende humane Umgangsregelung aus religiösen Prinzipien grausam verhindert, und wie fraglos Séverine Ferrolier diese übelste Rolle mit wenigen Strichen zeichnete, bot Momente kostbarster Charakterdarstellung.

Ein weiterer Baustein zu Annas Tragik ist die Gesellschaft. In ihr spielte Javier Amo mit einer gewissermaßen verdeckten Unverfrorenheit den Fürsten Stepan Oblonski, Stiwa genannt, der seine Frau Dolly ständig betrügt. In deren Rolle hielt Elvina Ibraimova mit hochfahrenden Ecartés kräftig dagegen und zeigte, dass sie auf einem späteren Ball zu verletzt ist, um sich mit ihrem Mann zu versöhnen, doch sie folgt ihm wieder und wieder. Was Annas Bruder verziehen wird, ist einer Frau nicht erlaubt. Ksenia Ryzhkova drückte mit gebrochenem Tanz berührend stark aus, wie sie die Gesellschaft zu fürchten begann, das Vertrauen zu Wronski verlor und vereinsamend den Tod wählte.

Resümee

Nur die Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung mit ihrer klugen Dramaturgie bot den Liebhabern des Balletts künstlerisch interessante Neuheiten. Vielleicht blieb das alte Stammpublikum auch deshalb weitgehend aus. Stattdessen kommen aber neue Zuschauer, viele zum ersten Mal, wie manche Gespräche vermuten lassen. So haben Ballettabende jetzt mehr Event-Charakter bekommen und wirken weniger kulturell als kommerziell.

Die Ballettfestwoche 2019 zeigte aber auch, dass die fünf neuen Stücke, die Igor Zelensky zu verantworten hat, zumindest was die Besucherzahlen angeht, Repertoire-tauglich sind und dass das stark veränderte junge Ensemble in Selbstverständnis und Qualität wächst. Es beeindruckte durchgängig mit seinem Corps de ballet. Seine Solisten schienen mittlerweile mehr darüber zu wissen, was sie da jeweils tanzen, sodass auch bewährte Stücke des Repertoires wieder ansehnlich wurden. Im Ensemble taten sich manche hervor und gewannen Profil. Einige gingen mit Spitzenleistungen voran. Zusammen weckten sie die Hoffnung, dass Igor Zelensky und sein Team die Compagnie allmählich in eine willkommene Zukunft des Bayerischen Staatsballetts führt.

Karl-Peter Fürst

 

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