Diego da Cunha und Ensemble (c) Anna-Maria Löffelberger

Er liebt seine Helden

In „Moonwalk“ erzählt das Ballett des Landestheaters Salzburg die Lebensgeschichte Michael Jacksons.

Ein Peitschenhieb, und er steht da: Diego da Cunha mit schwarzem Hut als typische Erscheinung des Kings of Pop. Mit „The Way You Make Me Feel“ beginnt er, sechs Tänzerinnen erobern als Fans die Bühne, weiten ihren Tanz mit den Jacksons zur Revue aus, und das Morbide einer kommerziell auf Effekte zielenden Show wird sofort spürbar. Die zweite Szene beginnt mit Pedro Pires, der als Blue stets dem bedrängten Michael Jackson (MJ) hilft. Zum Oboen-Konzert Nr. 11 von Tomaso Albioni tanzt er kraftvoll, während MJ schwermütig dasitzt, bis er sich zu einem Duett hingezogen fühlt, in dem eine völlig andere Atmosphäre herrscht, seelenvoll wie Albionis venezianische Musik. Schon hier sieht man bestätigt, dass Peter Breuer seine Helden liebt. In „Moonwalk“ zelebriert er nicht nur die faszinierende Show-Maschine MJ, sondern sucht dahinter auch den Menschen mit seinen Träumen, seine eigentliche Persönlichkeit.

Eine Rückblende zeigt, wie Jacko, den Karine de Matos als kleinen Jungen glaubhaft und liebenswert verkörpert, in den 60-er Jahren zu einem Medley Mix der Jackson 5 in den Kulissen einer Step-Revue probiert, ob er das auch kann. Zweigleisig geht es zwischen Show und Leben weiter. Vater Joe (Iure de Castro) peitscht Jacko zum Training, und MJ fühlt sich in seiner Erinnerung daran, wie er als Junge aus Angst hysterisch immer weiter übte, jetzt noch gehetzt. Schon brilliert er vor Tänzern in schwarzen Latex-Mänteln mit „Thriller“, das auch in Salzburg bejubelt wird, bleibt aber nach völliger Verausgabung allein. Blue steht ihm erneut in einem fließenden Duett zur Seite, bei dem er sich schnell getragen und beruhigt fühlt. Zu „Man in the Mirror“ wird er mit Jacko deckungsgleich, denn für eine kurze Phase ist er frei zu performen, was seinem Ideal entspricht. Nach einem dynamischen Trio von MJ, Blue und Jacko tanzt Larissa Mota die schöne Personifikation von Music, wie sie zu seiner Vision passt. Ausdrucksvoll animiert sie ihn zu einem Pas de deux, in dem es zu „I Just Can´t Stop Loving You“ neben gelungenen klassischen Hebungen auch Posen gibt, die an Kitsch grenzen, denn Peter Breuer scheut nichts, um Sympathie für die sehnsüchtige Seele seines Helden zu gewinnen. Doch real passiert MJ bei einem Pepsi-Werbe-Spot, dessen Rhythmus man sich kaum entziehen kann, ein folgenschwerer Unfall: Sein mit zu viel Spray frisiertes Haar fängt Feuer.

Im zweiten Teil sieht man ihn, in Goldfolie gehüllt, vor Schmerzen zitternd. Ein kaltes Duett mit Dr. Morphine (Paulo Muniz) zeigt, dass er sich auch als Patient fügen soll. Mit Beruhigungsspritzen tanzt er, bis ihn die Schmerzen übermannen. Klinische Therapie ist in einem Schattenspiel zu ahnen. Und plötzlich ist er wieder da mit „Beat It“, worauf das Publikum begeistert einsteigt. Doch seine Sehnsucht gilt eher der verträumten Ballade „Heal the World“, zu der das Bühnenbild von Bettina Richter mit Riesenrad, Kinderschaukel und Zootieren die Vorstellung seiner Neverland Ranch als „Better Place“ wach ruft. Das sentimentale Glück endet, als der Vater ihn wieder schonungslos antreibt und Dr. Morphine unbeteiligt Injektionen setzt. Dann zeigt ein Spalt unter dem Vorhang die berühmten Moonwalk-Schritte mit klassischen Schritten auf Spitze kombiniert, ehe ihn zu J. S. Bachs „Air“ Anna Yanchuk und sechs weitere Engel umkreisen, sodass er wieder positive Imagination gewinnt. Sein Pas de deux mit Anna Yanchuk illustriert mit langen Hebungen und schönen Linien das, was er für sein Leben hoffte. Mit Show-Attitüde folgt ein weiterer Hit, dessen Performance endgültig erlaubt, MJ-Darsteller Diego da Cunha zu attestieren, dass er es schafft, mit explosiver Lässigkeit als authentische Ikone die Bühne dauerhaft zu dominieren.

Zur Geschichte, die Peter Breuer erzählt, gehört, dass ein riesiger Arm mit dem roten Finger des Gesetzes auf seinen Helden zeigt. Der tanzt zu „Bad“ vor dem Gericht, das ihn des sexuellen Missbrauchs anklagt, wie um sein Leben. Blue kommt zu Hilfe, und die Dramatik des „Who´s bad?“ reißt tänzerisch und choreografisch mit. Einen weiteren Aspekt leiten MJs ökologische Lyrics ein: Zu seinem „Earth Song“ erzielt Peter Breuers Naturkinder-Idylle mit zwölf TänzerInnen starke Effekte und bringt Pop mit dem Appell „Make a Better World!“ in seine Bestform.

Auch dieses dramatische Ballettepos Peter Breuers ist keine stilreine Veranstaltung für Akademiker, sondern mischt und erlaubt alle Stile, um Mitgefühl für diesen armen King of Pop zu wecken. Darüber hinaus kommen MJ-Fans auf ihre Kosten. Denn Peter Breuer sah MJ in den 80-er Jahren live und bewunderte – damals selbst führender deutscher Tänzer – insbesondere dessen durch verzögerte Pausen mit Spannung aufgeladene, scharf akzentuierte Steps. Diesen Funken brachte er jetzt in Salzburgs Tänzern so zum Zünden, dass ihrem „Moonwalk“ ein großes Publikum zu wünschen ist. In München könnte es als Kultstück das Deutsche Theater oder Gärtnerplatztheater füllen, denn als Ballett wie auch als Musical wäre diese alle Kategorien sprengende Show qualitativ ein Highlight für beide Häuser.

Karl-Peter Fürst

  


„Moonwalk“ Ballett von Peter Breuer, Salzburger Landestheater, Probenzentrum Aigen Karten: +43 (0) 662 / 87 15 12 - 222 bis 13.06.2019 (ausverkauft) Infos: salzburger-landestheater.at

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