Tigran Mikayelyan als König Ludwig II. in John Neumeiers »Illusionen – wie Schwanensee«; Foto: Charles Tandy

Immer voraus!

Tigran Mikayelyan schlägt nach einer grandiosen Tanzkarriere neue Wege ein.

Tigran Mikayelyan, 1980 in Armeniens Hauptstadt geboren, begann seine Ausbildung an Eriwans Ballettakademie, der einzigen des Landes. Er wäre lieber Boxer geworden. Doch als man im kalten Winter 1991 nach der Unabhängigkeit von Russland oft nur bei Kerzenschein zusammensaß, weckten Erzählungen seiner Eltern, die beide Tänzer waren, auch seine Ballettbegeisterung. Er verband sie gleich mit der Sehnsucht nach der modernen Entwicklung des Tanzes in Europa. Mit dem Nurejew-Stipendium, das er bei seiner ersten Teilnahme am Prix de Lausanne gewann, ging er nach Zürich an die Schweizerische Ballettberufsschule. Ein Jahr später gewann er den Prix Niveau Professional, und Heinz Spoerli engagierte ihn ans Züricher Ballett, wo er von 1998 bis 2005 zum Solisten aufstieg und weiteren Talenten aus Armenien den Weg nach Europa ebnete. München mit seiner eindrucksvollen Geschichte und Kultur veranlasste ihn zum nächsten Schritt: Er wechselte als 25-Jähriger ans Bayerische Staatsballett, dessen Repertoire schon damals Tänzer lockte.

Unter Ivan Liška debütierte er in mehr als 40 Rollen. Zentrale Partien in zeitgenössischen Choreografien von William Forsythe, Jiri Kylián und vielen anderen brachten ihn ebenso voran wie die Titelrolle in John Crankos Romeo und Julia. Er selbst sieht zwei Ballette John Neumeiers als Höhepunkte seiner Laufbahn: In Der Nussknacker verkörperte er als Drosselmeier das Alter Ego Marius Petipas, des Großmeisters des von ihm über alles geliebten klassischen Balletts, und in Illusionen – wie Schwanensee wurde er zum Märchenkönig Ludwig II., worin die Identifikation mit seiner neuen Heimat gipfelte. Tigran Mikayelyan betrachtete die Zuschauer wegen ihrer Kenntnis und Erlebnisfähigkeit als Bayerisches Staatspublikum und war viele Jahre lang ihr Liebling. Weil ihn aber immer wieder ein und dieselbe Verletzung zurückwarf, wandte er sich schon in der letzten seiner 13 Spielzeiten am BSB einem neuen Beruf zu, für den ihn seine langjährige physische und mentale Arbeit auf höchstem Niveau prädestiniert.

Er wird nun Tänzern, Leistungssportlern und Normalpatienten ermöglichen, im Anschluss an ihre ärztliche Behandlung durch ein bewusstes Vorgehen während der Reha-Phase schneller und nachhaltiger die für ihre Karriere nötige Leistungsfähigkeit zurückzugewinnen. Den Schlüssel dazu fand er im »neuromuskulären Screening« (n.m.s). Es stellt auf der Grundlage der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) konventionelle Physiotherapie insofern auf die Füße, als es nicht an schmerzenden Muskeln oder Gelenken ansetzt, sondern mit der Stimulierung der Organe anfängt. Denn wenn diese nicht in optimaler Funktion sind, haben die Muskeln in der Quelle ihrer Kraft ein Defizit. Dann wird auch der Kopf darin geschwächt, Bewegungssignale zu geben, Emotionen zu kontrollieren und Beeinträchtigungen depressiver Art zu meiden. Wenn das n.m.s-Performance-System aber Organe, Kopf und Bewegungsapparat in beste Harmonie bringt, kann mit einem neuen Allgemeingefühl alles leichter, erfreulicher und dadurch auch besser werden. »In meiner 30-jährigen Profikarriere hatte ich bei keinem Sportler oder Tänzer das Gefühl, dass er zum Optimum seiner Performance gefunden hätte.«

Wenn Tigran Mikayelyan entlang der Meridiane die Organe vitalisiert, Faszien löst und Wirbel oder Gelenke feinjustiert, spürt man vielfältige Wirkungen und entwickelt während der wohltuenden Behandlung unwillkürlich Achtsamkeit für die damit verbundenen, dem Laien rätselhaften Effekte. Denn die wecken Hoffnung auf ein Anhalten der Heilung, wenn man seine Selbstheilungskräfte bewusst ein wenig unterstützt. Das wiederum fördert Disziplin, ohne die man nirgends seinen optimalen Möglichkeiten nahe kommt. Was sich darüber hinaus mental einstellt, könnte folgende Erfahrung sein: Diese Behandlung zeigt uns einen Film des Inneren, einen schönen, denn er bringt viel vom eigenen Wesen in Erinnerung, das im Alltagsstress vielleicht verloren ging.

Karl-Peter Fürst

  


Tigran Mikayelyan auf Facebook: @nmsmunich.

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