Ksenia Ryzh­kova als Anna Karenina und Matthew Golding als Graf Alexej Wronski (c) Wilfried Hösl

Tänze unterschiedlicher Paare

»Anna Karenina« – ein Handlungsballett mit kluger Musikauswahl und über weite Strecken dramatischen Szenensequenzen

Ein grandioser Stoff, eine die Handlung evozierende Musik, deren Farben das Bayerische Staatsorchester unter Robertas Servenikas pointiert wechselt, in der Titelrolle Ksenia Ryzhkova, die hier ihr Starpotenzial ausschöpft, die Passion ihrer solistischen Partner und des Ensembles! Dazu das sparsame Bühnenbild von Jörg Zielinski und die prächtigen Kostüme von Emma Ryott! Mit all dem präsentiert das Bayerische Staatsballett unter Igor Zelensky erstmals Gewohntes. Denn in seiner choreografischen Umsetzung von Lev Tolstois großem Roman zeigt sich Christian Spuck durchgängig von John Cranko und John Neumeier beeinflusst. An Vitalität und Frische erreicht er Münchens Tanzdrama-Götter noch nicht. Aber wie sie hat er für Tänzer Gelegenheiten geschaffen, ihr Publikum zu berühren, und zwar durch seine Konzentration darauf, was ihn selbst berührte: die Gestalt Anna Kareninas. Die tragische Konstellation ihres Lebens wird plastisch im Blick auf zwei weitere Paare.

Da ist ihr Bruder Stiwa, der seine Ehefrau Dolly betrügt. Tigran Mikayelyan und Ivy Amista streiten imponierend authentisch, tänzerisch beide in Bestform. Sie fügt sich zwar in ihr Schicksal, gibt jedoch nicht klein bei, sondern hält hart dagegen, als er auf einem der Bälle von ihr die Harmonie fordert, deren Basis er unaufhörlich verletzt. »Warum bleibt sie bei ihm?«, fragt man sich, denn Spuck zeigt nicht – wie Neumeier in seiner Version – ihre zwei Kinder. Die würde sie bei einer Trennung von Stiwa verlieren, da die Gesellschaft ihm seine Affären verzeiht, was sie bei Anna nicht tun wird. Und da ist Lewin, ausdrucksvoll getanzt von Jonah Cook. Er wirbt um Dollys Schwes­ter, doch Kitty, liebenswert von Lauretta Summerscales verkörpert, tanzt überschwänglich mit Graf Wronski. Bis Anna Karenina auftritt! Dann hat er nur noch Augen für sie, und Ryzhkova tanzt mit Matthew Golding in rauschhafter Musikalität. Von Anfang an vergegenwärtigt sie Annas Zwiespalt zwischen Lebenshunger und Treue. Vor russischen Birken macht der Gesang Alyona Abramovas die herrschende Stimmung hörbar, und auf sonst leerer Bühne tanzt ­Jonah Cook wunderbar Levins Sehnsucht. Wronski aber folgt Anna im Zug von Moskau nach St. Petersburg. Dort findet er sie bei Fürstin Twerskaya (herrschaftlich-freundlich: Mia Rudic), und mit ihm tanzt Anna wie beflügelt, ganz anders als mit ihrem Mann, den sie nicht nach Hause begleitet. Jetzt hat Wronski sie. Der leidenschaftliche Pas de deux beider führt zum Ehebruch. Gleich darauf wird, da hier Annas Tragödie beginnt, Ryzhkova mit derangierter Robe, im Tanz mehrmals erstarrend, zum Abbild einer Ruine! Schon folgt das Pferderennen mit Wronskis Sturz, bei dem sie ihr Aufschrei verrät. Karenin, von Erik Murzagaliev geradlinig-nüchtern getanzt, will sie kraftvoll zur Vernunft bringen, doch dazu ist sie viel zu erregt. Als er brutal korrekt die eheliche Pflicht von ihr fordert, wirft sie ihm ihre Liebe zu Wronski an den Kopf und besiegelt so die Auflösung ihrer Familie.

Klug kalkulierend, dass diese Dramatik nachwirkt, wechselt Spuck von der dekadenten Aristokratie in die Natur. Bei eindrucksvoll formalisierter Ernte auf seinem Landgut gesellt sich Levin zu seinen Arbeitern. Kitty trifft ein, und im schwebenden Ausdruck der Gefühle symbolisiert der Tanz beider, wie sich aus allmählichem Verständnis füreinander Liebe entwickelt. Anna jedoch droht nach der Geburt ihres von Wronski gezeugten Sohnes zu sterben. Zauberhaft fragil wirkt Ryzhkova, als der Geliebte zu ihr und ihrem Gatten hereinstürmt. Aber die Einigung im Trio schlägt fehl. Wronski bleibt zurück, zieht seine Pistole, Blackout. – Ebenso sehenswert ist der 2. Akt: In Italien holt Anna die grausame Trennung von ihrem Sohn ein. Ihre Verlorenheit in der Heimat betäubt sie wie ihre Eifersucht auf Wronski mit Opium. Man weiß oft nicht, ob ihre Visionen Realität sind. Auch ihre Bewegung befremdet, weil der Boden unter ihren Füßen jetzt wankt. Ein Zug, als Projektion und akustisch: Anna lässt sich fallen. Die Gesellschaft schaut distanziert. Es ist das Anfangsbild, aus dem Wronski nun allein vortritt.

Karl-Peter Fürst 


Anna Karenina

Ballett von Christian Spuck. Musik: Sergej Rachmaninow, Witold Lutoslawski und andere.

Nächste Vorstellungen am 23. März, 22. April, 10. Mai, 15. und 30. Juni, Nationaltheater München.

Karten: Tel. (089) 21 85 19 20 und staatsballett.de.

 

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