Rita Barao Soares (Schneekönigin), Ballettensemble (c) Marie-Laure Briane

Tschaikowsky tanzen!

Das Ballett des Gärtnerplatztheaters präsentiert »Den Nussknacker« in einer choreografischen Neufassung.

Es war Peter I. Tschaikowsky, der die Ballettmusik, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine der Choreografie gänzlich untergeordnete Rolle spielte, nicht zuletzt durch das 1890 am Mariinski-Theater uraufgeführte Dornröschen wach küsste und gemeinsam mit dem Choreografen Marius Petipa zum gleichwertigen Bestandteil eines Ballettabends machte. Mit Dem Nussknacker, nach der Geschichte Nussknacker und Mausekönig von E. T. A. Hoffmann, folgte zwei Jahre später die zweite Kollaboration von dem Komponisten und Petipa, der das Libretto verfasste. Woran hat nun jemand, der dieses Stück gesehen hat, die deutlichste Erinnerung? Es sind neben Tschaikows­kys Musik, von der die kleinste Sequenz genügt, um die Nussknacker-Welt zu evozieren, vor allem zwei Elemente: die Verwandlung einer erwachsenen Tänzerin in ein Kind, dessen Traum wir begleiten, und sein exaltierter Onkel Drosselmeier, der es ans Ziel seiner Träume führt. Der Nussknacker aber, die Ratten, Mäuse, Schlachten oder das zuckrige Schlaraffenland schienen fast allen Choreografen weniger wichtig. Essenzieller sind da die Schneeflocken und der Winter als jahreszeitliche Atmosphäre, was in der Musik des St. Petersburger Komponisten scheinbar angelegt ist. Alles andere steht offenbar zur Disposition.

Passend dazu sucht auch Karl Alfred Schreiner mit seiner Kompanie auf der Basis der klassischen Danse d'école einen modernen Zugang. Auch für ihn steht E. T. A. Hoffmanns romantisches Märchen, das durch dunkle Farben seiner Reflexionen über den Gegensatz zwischen bürgerlicher Realität und Fantasiewelt geprägt ist, am Anfang. Die verzaubernde, manchmal furchterregende Wechselwirkung von Wirklichkeit und Wunderbarem ist auch in Tschaikowskys Partitur hörbar, aber längst nicht in alle Interpretationen dieses Balletts eingegangen. Schon Petipa versuchte nicht, Hoffmann und Tschaikowsky vollständig zu transponieren, sondern hatte als Franzose z. B. die Idee, mit einem Seitenblick auf die Französische Revolution eine Schießerei in der Konfitürenburg seines Nussknackers anzuzetteln. Fjodor Lopuchow trennte 1929 unter dem politischen Druck, sich von der »Mystik des alten Regimes« loszusagen, streng Realität und Märchen, während Wassili I. Wainonen 1935 eine süßliche Version schuf, die jedes Jahr von herausgeputzten Waganowa-Schülern getanzt wird. 1954 institutionalisierte George Balanchine seine Version von Ende November bis Mitte Januar im Spielplan des New York City Ballet, Marc Morris parodierte Petipas Libretto 1991 in Brüssel als The Hard Nut, und Maurice Béjart nutzte 1998 die Nussknacker-Motive, um ein Stück über sich selbst zu inszenieren. John Neumeier schließlich, dessen Version die meistgesehene in München ist, vollendete 1971 den Interpretationsaspekt, den Juri Grigorovich (1966) und Rudolf Nurejew (1968) erarbeitet hatten, dass es im Nussknacker um den Abschied von der Kindheit und das Erwachsenwerden geht.

Sein Hauptinteresse sei es, verriet Karl Alfred Schreiner bei einem Probenbesuch vor der Premiere am 23. November, »auf die fantastische Musik Tschaikowskys aufzubauen«. Der Schwäche von Petipas Libretto, in dem der 1. Akt nur pantomimisch und ohne dramaturgische Stringenz das glänzende Divertissement des 2. Akts vorbereitet, begegnet er damit, dass er die Personen des 1. Akts wieder auftreten lässt, um so eine durchgängige Geschichte erzählen zu können. Dabei ordnet er dem vergnügten Drosselmeier den Rosenwalzer, der strengen Mutter Klaras die Rolle der Schneekönigin zu. Der Prinz ist Drosselmeiers Sohn, in den Klara sich verliebt, als er sie aus ihrer Bedrängnis durch die Ratten befreit. Dieses Trio verdeutlicht in weichen, sich umeinander schlingenden Bewegungen und langen Hebefiguren, dass es weder Begrenzungen noch Schwere gibt, wenn man verliebt ist. Eine ganz andere Bewegungsqualität ist es, wenn Klara versucht, mit dem Prinzen zusammenzukommen, ihre Mutter das aber im Schneeflocken-Walzer verhindert, indem sie die Schneeflocken dirigiert, zwischen denen sich Klara und ihr Prinz wieder verlieren …

Karl-Peter Fürst


Der Nussknacker. Ballett von Karl Alfred Schreiner. Musik von Peter I. Tschaikowsky.

Nächste Vorstellungen am 3., 9., 23. und 25. Dezember, Staatstheater am Gärtnerplatz.

Karten: Tel. (089) 21 85 19 60.

 

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