Linke Seite: Dabel Za­nabria (Gaudencio) mit Melody Celatti (Giselle), dahinter Esteban Domenichini (Lorenzo), in »Tanguera« (c) Thomas Schmidt

Tanz-Akzente im Sommer

Die Tango-Show »Tanguera« am Deutschen Theater.

Die Tango-Show »Tanguera«, Peter Breuers Salzburg Ballett und Alvin Ailey’s American Dance Theatre geben sich die Ehre am Deutschen Theater.

Ausdrucksstark und sinnlich gleitend biegt sich ­Giselle in Lorenzos enger Führung. Gaudencio entreißt sie ihm mit aggressivem Machismus, doch sie hält stolz und sexy dagegen. Dann kommt es zum Hahnenkampf beider Männer. So umrissen die aus Buenos Aires eingeflogenen Protagonisten die Essenz von Tanguera. Anders als in konventionellen Tango-Shows erzählt der Tanz darin erstmals eine Geschichte. Sie spielt Ende des 19. Jahrhunderts, als Millionen von Europäern nach Argentinien emigrierten, wo die Großgrundbesitzer mit der geplanten Landreform auch ihre Hoffnung auf ein besseres Leben scheitern ließen. So strömten unzählige arbeitslose Landarbeiter in die Hafenstädte zurück, wo Frauenhandel, Kriminalität und Gewalt ihren Alltag prägten. In diesem Kontext zeigt Tanguera das Schicksal Giselles, die von einem Heiratsversprechen des Gang­sters Gaudencio getäuscht wird. Bei ihrer Ankunft in Argentinien lernt sie den Hafenarbeiter Lorenzo kennen und lieben, doch erst muss sie lernen, im Nachtleben zu bestehen, und er muss lernen, um die Frau seines Lebens zu kämpfen. So wird aus ihr eine dem Tanz ergebene Tanguera, aus ihm ein Meister im Tango und im Kampf. Esteban Domenichini, seit 2002 Lorenzo-Darsteller: »Weil die Handlung zugleich die Geschichte des Tangos erzählt, ist dieses Stück einzigartig.« Titelheldin Melody Celatti bekennt: »Es trägt uns durch starke, leidenschaftliche Emotionen.« Und Dabel Zana­bria alias Gaudencio weiß: »Tanguera wird live gespielt und von virtuosen Darstellern mitreißend getanzt.«

Peter Breuer war in den 70er- und 80er-Jahren ein internationaler Startänzer. Seit 1991 leitet er das von ihm aufgebaute Ballett am Salzburger Landestheater. Mit seiner Kompanie schafft er dort als leidenschaftlicher Erzähler vollblütiges Tanztheater, das mit seiner Stofffülle, Bildkräftigkeit und tänzerischen Qualität längst verdient hat, auch in München eine Bühne zu finden. Mit Mythos Coco und Ballet 'n' Blues sind im August zwei seiner Werke zu Gast im Deutschen Theater. »Mit ­Coco konnte ich das Umfeld der Ballettwelt zeigen – Dalí, Cocteau, Strawinsky, Marais«, sagt Peter Breuer, »ihre Modegeschichte und ihre Affären. Eine tolle Frau, die unsere Welt geprägt hat mit Mode und Duft.« Und zu seinem Ballet 'n' Blues: »Mein Vater war Blues-Pianist, und ich war als Kind immer dabei.« Mit der Wiener ­Blues-Legende Al Cook wählte er für seine Choreografie über die Seele des Blues einen speziellen Verfechter des Mississippi-Blues. »Was gibt es Besseres als diese Konstellation? Es kommt hinzu, dass ich im Deutschen Theater mit 15 erstmals auftrat. Back to the roots! Endlich kann ich meine Ballette in meiner Heimatstadt zeigen!«

Mit dem Alvin Ailey American Dance Theatre (AAADT) kommt auch die wichtigste Gruppe farbiger Tänzer. Ihr Gründer studierte u. a. bei Martha Graham und tanzte 1950 zuerst bei Lester Horton. Seine Projekte waren sowohl von Hortons Interesse an den Ursprüngen des Tanzes geprägt als auch von seinem eigenen am Leben, Leiden und Glauben der schwarzen Amerikaner. 1958 gründete er in New York sein AAADT und choreografierte Blues Suite, worin schon ein Mix aus klassischem Tanz, Jazztanz, afrikanischem Tanz und Showelementen als sein Stil erkennbar wurde. 1960 folgte Revelations, das afroamerikanische Identität und Religiosität thematisiert und heute als sein Signaturstück gilt. 

Nach Aileys Tod im Dezember 1989 übernahm Judith Jamison die Leitung des AAADT, die sie 2011 an Robert Ba­ttle weitergab, der seine Kompanie bereits seit 1999 mit eigenen Choreografien bereicherte. Auch er führt Aileys Ideale weiter, zu denen es gehörte, Kraft, Anmut und Eleganz seiner Tänzer mit Geist, Würde und Beseeltheit zu entfalten, ihnen Spielräume zu eröffnen und experimentierfreudig die besten Talente einer neuen Choreografen-Generation zu fördern. Vor Revelations zeigt das aktuelle Gastspiel folglich mit Four Corners von Ronald K. Brown (2013) und Exodus von Rennie Harris (2015) neue Stücke sowie Takademe (1999), Battles Gag zum indischen Tanzstil Kathak.          

Karl-Peter Fürst


Tanguera.

11.-15. Juli, 19.30 Uhr, 

zusätzlich 15. Juli, 14.30 Uhr,

und 16. Juli, 14 und 19 Uhr,

Deutsches Theater.

 

Mythos Coco –

Das Leben einer Legende.

9. und 10. August, 20 Uhr.

 

Ballet ´n´ Blues –

Der Tanz mit dem Teufel.

11. und 12. August, 20 Uhr.

 

Das Alvin Ailey 

American Dance Theatre.

22.-26. August, 20 Uhr, zusätz-lich 26. August, 14.30 Uhr, und 27. August, 17 Uhr.

 

Karten: Tel. (089) 55 23 44 44

und München Ticket.

Informationen: deutsches-theater.de

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