Anna Karenina und Alexey Karenin mit Sohn – noch stimmt die Fassade (c) Monika Rittershaus

»Anna Karenina« als Ballett

Ausgewählte Szenen aus Lew Tolstois grandiosem Roman, von Christian Spuck adaptiert

Christian Spuck, seit der Spielzeit 2012/13 Ballettdirektor in Zürich, schnupperte als Tänzer und Hauschoreograf am Stuttgarter Ballett die Cranko- und Neumeier-Luft, kreierte dort 15 Uraufführungen und feierte auch mit Handlungsballetten wie Lulu. Eine Monstretragödie oder Der Sandmann – beide mit Maria Eichwald – große Erfolge. Der Film Anna Karenina mit Sophie Marceau (2009) inspirierte ihn zur Umsetzung eines weiteren literarischen Stoffes, die er 2014 in Zürich realisierte. Sein Ballett teilt allerdings das Schicksal der zahlreichen Verfilmungen: dass ein 1000-seitiges Panorama des zaristischen Russlands nicht in zwei Stunden gezeigt werden kann. Denn Tolstois Roman beleuchtet mit Politik, Sozialkritik, Ökonomie, Ökologie, Religiosität und Psychologie fast alle Lebensbereiche, führt mit grandiosem epischem Atem, viel Personal und reichen Details durch die aristokratische, militärische und bäuerliche Gesellschaft in St. Petersburg, Moskau und auf dem Land. Spielerisch leichte Wechsel der Erzählperspektiven reißen ebenso mit wie die zentrale Liebesgeschichte, sodass man am Ende meinen könnte, die russische Seele nun besser zu kennen – vielleicht sogar auch sich selbst, denn das leisten die besten Bücher der Welt.

Ein faszinierendes Sujet also, das die Zuschauer des Bayerischen Staatsballetts erwartet. Respektvoll erkannte der Choreograf, dass er dem riesigen Kosmos der Vorlage nur gerecht werden konnte, wenn er sich von ihr löste: »Ehrlich mit einem Kunstwerk umzugehen bedeutet, sich intensiv mit dem Buch auseinanderzusetzen und dann eigene Entscheidungen zu treffen. Spannend wird es doch erst, wenn man einem solchen Stoff eine eigenständige ästhetische Dimension abringen kann.« So nahm er sich vor, dem Buch mit eigener Kraft adäquat zu begegnen. »Ballett bietet die Chance, eine solche Geschichte in großer Direktheit der Gefühle zu erzählen. Seine Stärke liegt im konzentrierten Blick auf Figuren und Situationen. Tanz eröffnet die Möglichkeit, die einzelnen Figuren in ihrer ganzen emotionalen Vielfalt und Widersprüchlichkeit plastisch hervortreten zu lassen.« Für seine Aufgabe, einen so sprachmächtigen Stoff ohne Worte zu erzählen, nannte Christian Spuck noch eine ballettspezifische Stärke: »Dass man dieser Sprachlosigkeit mit einer wohlüberlegten Musikauswahl begegnet. Mit der passenden Musik kann man die Figuren wie unter einem Mikroskop betrachten.« Für Anna Karenina wählte er Rachmaninows Süße und eigentümliche Schwere. Dieser Verbindung stellte er Witold Lutosławski entgegen, einen der spannendsten polnischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. »Seine Musik wirkt fast wie eine Dekonstruktion von Rachmaninow und vermittelt mit ihrer verstörenden Tiefe das Gefühl, den Figuren ganz nahe zu kommen.«

Tolstois Anna Karenina verlässt – wie Emma Bovary und Effi Briest – Ehemann und Familie und zahlt dafür mit dem Leben. Graf Wronski jedoch, dem sie für ihre Leidenschaft alles opfert, verliert trotz gleicher Impulsivität seinen Halt in der Gesellschaft nicht. Dagegen will Levin – wie Lev Tolstoi – die Welt um sich her begreifen und seinen Platz darin erarbeiten. Er findet erst nach Überwindung von Widerständen mit Kitty zusammen, ein Gegenentwurf zu Anna und Wronski. Das dritte Paar: Kittys Schwester Dolly und Annas leichtlebiger Bruder Stiwa, der Dolly notorisch betrügt. Dazu Herr Karenin, der in spießiger Tugendhaftigkeit grausame Bürokrat, viele Nebenfiguren und ein großes Ensemble. Christian Spuck wünscht, dass seine Tänzer die von ihm um individuelle Attitüden erweiterte klassische Ballettsprache schauspielerisch so tanzen, dass jeder versteht, welchen Charakter sie verkörpern und was sie zum Ausdruck bringen. Der Genuss daran wird wohl reicher, wenn man Roman oder Programmheft – dem vorzüglichen aus Zürich sind die Fotos und Zitate dieser Seiten entnommen – vor der Vorstellung liest.

Karl-Peter Fürst


Premiere am 19. November, 19.30 Uhr, Nationaltheater.

Nächste Vorstellungen am 25. November und 1. Dezember.

Karten: Tel. (089) 21 85 19 20.

 

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