Javier Ubell als Matto (c) Marie-Laure Briane

Die Sehnsucht nach Verlorenem

Das Ballett nach dem Fellini-Film »La Strada« ist tänzerisch und gesellschaftskritisch relevant.

Marco Goeckes kleinteilige Tanzsprache ist von radikaler Konsistenz. Dafür sorgt auch ihre engagierte Darbietung durch die Kompanie des Gärtnerplatztheaters. Dort ist die Uraufführung von La Strada ein choreografisches Highlight. Aber auch wer den Kraft-Schausteller Zampanó und seine Gelsomina aus Fellinis Melodrama kennt, muss oft rätseln, wer im hier getanzten Schauspiel gerade auftritt. Doch da man gleich hohe Musikalität, eindrucksvolle Präzision und sorgsame Analyse der psychischen Motivation aller Charaktere wahrnimmt, konzentriert man sich.

Vor sturmgepeitschtem Meer erstarrt eine Frau in stummem Schrei. Von hinten greift sie ein Mann hart an: Er ist ihr Schicksal. Nun setzt Nino Rotas Musik ein, die in Zusammenarbeit mit Fellini den Filmszenen Rhythmus und Stimmung gab. Das Orchester des Gärtnerplatztheaters malt auch mit der reduzierten Fassung von Rotas späterer Suite unter der Leitung von Michael Brandstetter farbig Bilder von inneren Gefühlen. Exponierend evoziert sie scharf akzentuierte Gebärden besagter Frau. Es ist die naive Gelsomina, intensiv dargestellt von Verónica Segovía, die energisch fragt: »Woher bin ich? Wohin soll ich?«, und sie zittert. Denn von Beginn an leidet sie an ihrer Einsamkeit.

Der Musik verdanken sich alle Szenen in Marco Goeckes choreografischer Kollage. Synchron etablieren zwei Männer seine Tanzsprache: Wie aus einem Körperkäfig zucken Finger, Hände, Arme aus dem Rumpf, flattern vom Gefühlszentrum über den Kopf oder zur Seite und werden von der anderen Hand kontrollierend wieder eingefangen. Auch im folgenden Solo sind die Bewegungen unerbittlich gehetzt, wie von einem inneren Monolog getrieben. Aus einem Sextett, das seelische Not und Sehnsucht ausdrückt, treten Gelsominas Mutter und Zampanó hervor. Abrupt tanzend verhandeln beide hart, dann ist das Armeleute-Kind verkauft. Hinter Gelsomina steht nun Zampanó. Stillstand verrät, dass er sich fragt: »Wie soll ich das mit ihr nun machen?« Ein Trommelwirbel beendet diese Zäsur, und entschlossen richtet er sie für die Auftritte mit ihm ab. Gelsomina freut sich, vor Publikum zu stehen, und bläst in ihre Tröte. Ihren Zampanó aber, dem sie nun auch emotional anhängt, erreicht sie nicht.

Denn der Heimatlose, der Ketten sprengt, bleibt in seiner Gefühlslosigkeit gefangen. Özkan Ayik stellt, in der beschriebenen Tanzsprache verhärtet, überzeugend einen emotionalen Krüppel dar, der nach seinen Muskelspielen sprachlos ist und vor Gelsominas Gefühlen lieber zu Huren flieht. Ihr bleiben nur die Lichtblicke mit dem vitalen Clown (Alessio Attanasio) und den Zirkusleuten, wenn die unter ihrem Direktor (köstlich theatralisch: David Valencia) gegen die allgemeine Verzweiflung kämpfen. Dann ergeben sich vereinzelt schöne tänzerische Effekte, und die minimalistischen Bewegungen des Ensembles gewinnen jazzigen Charme. Auch in weiteren Episoden (Bühne und Kostüme: Michaela Springer) sieht man in schwarzen Anzügen, die sie maskieren und zugleich die entblößte Brust sehen lassen, gebrochene Figuren. Kurze Momente wirklicher Erlösung findet Gelsomina nur mit dem Seiltänzer Matto (wunderbar: Javier Ubell), der geschmeidig seine Kunst andeutet und sich ihr dabei – im Unterschied zu allen anderen – menschlich zuwendet. Da er gesunde Emotionen zeigt, entlässt ihn Goecke aus dem permanenten Gefängnis seiner einzwängenden Tanzsprache, und über Matto findet auch Gelsomina Ansätze zur Freiheit.

Vor einem Getreidefeld zeigt ein starkes Bild eine der nächtlichen Autofahrten Zampanós und Gelsominas. Sie sind wieder auf der Straße. Zufällige Treffen mit Matto leiten das Ende ein. Beim ersten persifliert der agile Seiltänzer Zampanós gestählten Körper und dessen Bewegungen, beim nächsten tötet dieser seinen Gegenspieler. Gelsomina resümiert mit verzweifeltem Gelächter ihre Lage, verlässt Zampanó und stirbt an ihrer Einsamkeit unbemerkt auf freiem Feld. An ihrer Stelle tanzt bald eine andere Frau. Auch ihr folgt Zampanó, doch immer mit nur einer Körperhälfte. So wird klar: Weil er die Gabe verloren hat zu fühlen, fehlt ihm das Wesentliche und er bleibt allein. Unter Sternenhimmel klingt die dramatische Musik zu Glockenklängen aus. Die La-Strada-Atmosphäre ist getroffen! Der hohe Repertoire-Wert dieses Ballettabends liegt in der bereits von Fellini formulierten Forderung, dass eine erfolgreiche Gesellschaft nicht in zwischenmenschlicher Gleichgültigkeit verrohen darf.

Karl-Peter Fürst

La Strada. Ballett von Marco Goecke. Nächste Vorstellungen am 18. September, 19.30 Uhr, 23. September, 18 Uhr, und 6. Oktober, 19.30 Uhr, Staatstheater am Gärtnerplatz. Karten: Tel. (089) 21 85 19 60.

 

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