Die Essayperformance »Zweiter Versuch über das Turnen« © Marie-Laure Briane

Weiterführen und bewahren

RODEO - das Festival der freien Tanz- und Theaterszene.

Tänzer haben es schwer und Schauspieler wohl auch. Das gilt generell, insbesondere aber, wenn sie und ihre Choreografen, Autoren oder Regisseure an keinem städtischen bzw. Staatstheater engagiert sind, sondern ihre Projekte frei realisieren. Da hilft RODEO, das Festival der freien Tanz- und Theaterszene in München! Es wird auf Initiative des Kulturreferats von Bayerns Landeshauptstadt seit 2010 veranstaltet und findet in diesem Jahr vom 11. bis zum 14. Oktober zum fünften Mal statt.

Inwiefern hilft RODEO? Im Zusammenschluss mit entsprechenden regionalen Festivals in Hamburg, Stuttgart, Berlin oder Dortmund wird der Wissensaustausch auf Leitungsebene gepflegt. Man arbeitet an der kontinuierlichen Einladung lokaler KünstlerInnen, damit sie sich auf den verschiedenen Festivals begegnen und vernetzen. Und alle zwei Jahre zeigt RODEO eine Auswahl zeitgenössischer Münchner Theaterformen, bittet in verschiedenen Formaten zum Gespräch, gewährt Einblicke in Prozesse künstlerischer Arbeit, präsentiert Tanz,Theater und (Musik-)Performance aus München, nationale Gastspiele, Exkursionen in den Stadtraum sowie Arbeitsstände, Lesungen und Diskussionen. Das Publikum ist zum Zuschauen und Interagieren sowie zum Diskutieren eingeladen und, weil diese vielfältige Arbeitsplattform ihren gleichzeitigen Festivalcharakter nicht verleugnen will, natürlich auch zum Feiern.

Zum zweiten Mal realisiert RODEO 2018 in Kooperation mit dem Goethe-Institut BLOOM UP, ein Residency- Format, das freischaffenden KünstlerInnen aus München und dem Ausland mit Stipendien ein internationales, genreübergreifendes Schaffen ermöglicht. Das Festival gibt Einblick in den Stand von drei ausgewählten Projekten, deren Arbeitsphasen im Ausland stattfanden und ab Mitte September in München fortgesetzt wurden. In Aus dem Maschinenraum: Rilkes Gottessonett arbeiten Berkan Karpat und der Inder Raoul Amar Abbas mit elektrochemischen Prozessen, die im Gehirn der Rezipienten stattfinden, um eine radikale Form der Intimität zu schaffen und die Grenzen zwischen Betrachtern und Schöpfern aufzuheben. In New Manliness erkundet ein deutsch-japanisches Team das Identifikationspotenzial neuer Männerbewegungen, und in Carnation Dingthang bringen David Oppenheim aus Tel-Aviv und Anton Kaun aus München ortsspezifische Materialien und Klänge ihrer Städte in eine audiovisuelle Improvisation ein. Alle BLOOM UPs kann man gratis erleben.

»RODEO verändert sich immer«, sagt Kulturreferent Dr. Hans-Georg Küppers, der seit 2007 im Amt ist und es wissen muss. Dass RODEO ohne Abschottung andere Kulturen und Vielfalt nach München bringt, verleiht seinen Gedanken Flügel: »So wichtig, wie der Aspekt ›Lebendiges Archiv‹ im Festivalprogramm ist, so wichtig bleibt im Politischen die Frage nach dem Warum. Ein Schlussstrich darf nicht gezogen werden!« Das entspricht der Intention von Sahra Israel, die Geschichte der freien Theater- und Tanzszene in München zu vergegenwärtigen und zu bewahren, obwohl dabei die Probleme noch größer sind als generell bei ephemeren Kunstwerken. Deshalb hat die Festivalleiterin mit Cornelie Müller, Micha Purucker und Christina Ruf drei VertreterInnen der Münchner Szene gebeten, Präsentationsformate zur Darstellung ihrer Arbeit zu entwickeln, sie vier Tage lang in einer Ausstellung zu präsentieren und zu erläutern.

Als Theater-Performance ist mit Fucking Disabled David v. Westphalens Enttabuisierung von Sex mit Behinderung erneut zu sehen. Das Rohtheater setzt sich in Mondo mit dem Erstarken des Faschismus auseinander, und in Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen setzt die künstlerische Forschungsgesellschaft »Hauptaktion« ihre Essayperformance Zweiter Versuch über das Turnen fort. Im Bereich Tanz ist mit Empathy die Debüt-Produktion der Choreografin Jasmin Ellis zu sehen, die ihre Tänzer und Musiker ein Netz von Fäden zwischen Performern und Publikum spinnen lässt. Das persönlichste Format kreiert wohl Sahra Huby mit Dance Kitchen, und Moritz Ostruschnjak lässt in Boids zu Live-Electronics eine Wolke aus Tanz, Licht und Sound entstehen.

Karl-Peter Fürst

RODEO 2018. 11. bis 14. Oktober. Informationen und Karten: rodeomuenchen.de. Für Veranstaltungen der Sektionen BLOOM UP, DISKURS und ARCHIV ist der Eintritt frei.

 

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