Bereits in der Probenarbeit wird Perfektion eingefordert. (c) Heinz-Bosl-Stiftung

Junge Tanztalente persönlich fördern

Ivan Liška zum 40-jährigen Jubiläum der Heinz-Bosl-Stiftung und der Ballettakademie München

Konstanze Vernon gründete 1978 die heute der Hochschule für Musik und Theater München angegliederte Ballettakademie und die nach ihrem charismatischen Tanzpartner Heinz Bosl benannte Stiftung. Mit ihrem Nachfolger Ivan Liška sprach APPLAUS im Vorfeld der Bosl-Matineen, die jetzt dieses Doppel-Jubiläum feiern. Lesen Sie online die am Ende erweiterte Version des Interviews.

APPLAUS: Herr Liška, hat Konstanze Vernon 1978 die Ballettakademie und die Heinz-Bosl-Stiftung wirklich gleichzeitig gegründet?
IVAN LISKA: Es gab in München schon seit 1964 eine äußerst dürftig ausgestattete Ballettakademie mit einem Studio im Anbau des Prinzregententheaters, in dem heute das »Prinzipal« ist. Ich habe dort 1969 trainiert. Eine zukunftsweisende Struktur hatte das noch nicht.

Damals wurde Konstanze Vernon aber Primaballerina am Nationaltheater.
Ja, und mit ihrem Ehrgeiz hat sie die Politiker davon überzeugt, dass in München eine Ballettakademie sinn-voll ist. So hat sie die Mittel dafür bekommen, hat die Ausbildung ausgebaut und Erfolge gehabt. Deshalb haben die Politiker ihr auch die Gründung des Bayerischen Staatsballetts (BSB) ermöglicht. Aber sie verstand sich immer als Pädagogin, und ihre vielen Wettbewerbs-Preisträger hießen Bosl-Studenten.

Das war wohl ein bequemes Kürzel, mit dem die Stiftung ins Zentrum gerückt und ihre Spender zu mehr Spenden animiert wurden …
… was bis heute anhält, aber positiv ist, denn wir wollen der jungen Generation ja eine Plattform bieten, auf der sie sich finanziell etwas sicherer ihrer eigenen Entwicklung widmen können.

Für die junge Generation haben Sie 2010 das BSB II gegründet, das mittlerweile als Bayerisches Junior Ballett München (BJBM) überzeugt.
Das war nur in Kooperation zu erreichen, da es keine zusätzlichen Mittel dafür gab. Konstanze Vernon, die Hochschule mit ihrem Direktor Jan Broeckx, Bettina Wagner-Bergelt und ich fragten uns deshalb: Was kann die Stiftung, was das Staatsballett stemmen? Um auch Klassiker aufzuführen, brauchten wir 16 Tanzende. Neun trägt das BSB als Volontäre, sieben die Stiftung als Stipendiaten, und die Hochschule bezahlt Pädagogen und Pianisten.

Die Stiftung hat ein Zentrum mit zwei Ballettsälen sowie einem Wohnheim errichtet. Sie finanziert auch alte und neue Choreografien.
Das ist alles meiner Vorgängerin, ihrem Mann Fred Hoffmann und allen Gönnern der Stiftung zu danken, die uns kleine Monatsbeträge oder – wie unsere Botschafterin Dr. Irène Lejeune – hohe Zuwendungen spenden. Außerdem müssen und wollen wir auf Bühnen im In- und Ausland gastieren, damit wir weitere Einnahmen haben.

Das BJBM tanzt also über Bayern hinaus?
Seine Auftritte mehren sich aufgrund seiner Qualität und dem damit verbundenen Renommee. Dabei geht es aber vor allem darum, den jungen Talenten die Erfahrung zu vermitteln, sich vor fremdem Publikum zu beweisen. Und dass sie das Leben einer Company kennenlernen: Sie schleppen Dekorationen und Kostüme, schminken sich selbst und erleben unterschiedliche Bedingungen auf wechselnden Bühnen. Durch all diese praktischen Aspekte gewinnen sie an Autonomie.

Wollen Sie so den Mitgliedern Ihres BJBM vermitteln, worauf sie später achten müssen?
Ja, aber sie müssen auch jetzt schon Perfektion liefern, damit sie, wenn sie in ihr erstes Engagement gehen, dank der Aufführungspraxis, die sie schon haben, keine Greenhorns mehr sind. Ich habe ja schon mit Konstanze Vernon beobachtet, dass wir junge TänzerInnen engagiert haben, von denen nicht alle diesen Nicht-Druck aushielten, der darin besteht, dass sie in der Schule immer von einem Pädagogen geführt wurden, doch in einer Company sofort liefern müssen. Diese Lücke zwischen Ausbildung und Engagement möchten wir überbrücken. Denn wenn manche noch nicht wissen, wie sie sich entfalten können, halten sie das innerlich kaum aus oder geben auf. Das wäre aber zu schade, denn in jedem Menschen, der sich bis 18 Jahre in der Tanztechnik gebildet hat, ist ein Wille. Der muss zum Tragen kommen!

Weshalb sind Sie so gern Vorsitzender der Heinz- Bosl-Stiftung und künstlerischer Direktor des BJBM?
Wenn ich mir den Wert dessen bewusst mache, was ich im Lauf der Jahre als Individuum erhalten habe, und an alle denke, die mir dabei geholfen haben, dorthin zu kommen, wo ich jetzt bin, ist es nur das Natürlichste, dass ich den Generationen, die nach mir kommen, das Gleiche geben will – mit dem Zuwachs der eigenen Geschichte!

Und woran denken Sie dabei?
Nicht nur an die Anfänge der Klassik bis zu den Ballet Russes und der Neoklassik. Für mich kamen in meiner Zeit als Direktor unter anderem die Arbeit mit William Forsythe oder die Engagements von jüngeren Tanzschöpfern wie Aszure Barton und Richard Siegal dazu. Das kann ich dafür nutzen, die jungen Tänzer am Puls der Zeit zu erziehen. Das war mein Ziel. Und selbst wenn das noch nicht ihr Ziel ist, möchte ich sie dazu bringen, sich dessen bewusst zu werden, auf welche Art sie ihre menschliche und künstlerische Verwirklichung erreichen können. Warum ich das so gern mache, liegt auch an dem zweijährigen Turnus, den wir heute haben – sie bleiben im BJBM ja nur zwei Jahre. Das verändert die Perspektive, macht unsere Arbeit mehr pädagogisch als künstlerisch. Sie bleibt künstlerisch, aber der Aufbau ihrer Persönlichkeit kommt dazu, wie wenn ein Älterer einen Jüngeren führt.

Sie haben in Ihrer langen Karriere reiche Erfahrung mit Tanzsprachen aus aller Welt gesammelt, und Sie betonen immer wieder die unheimliche Vielfalt, die ein heutiges Publikum auf der Bühne erwartet und auf die Sie den tänzerischen Nachwuchs gut vorbereiten wollen. Was ist von der Vielzahl der Tanzsprachen in der kommenden Jubiläums-Gala zu sehen?
Die Studierenden der Ballettakademie tanzen Prokofjevs Peter und der Wolf in der Choreografie von Kinsun Chan, und der Erzähler wird Wolf Wondratschek sein. Dann verleihen wir den Heinz-Bosl-Preis an drei männliche Tänzer, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Mit Un Ballo, dem frühesten Stück Jiri Kyliáns für das Nederlands Dans Theater II, huldigt das BJBM zur Musik Maurice Ravels dem ersten Gründer einer Junior-Compagnie und zeigt anschließend  in Ballet 102 von Eric Gauthier eine rasant-unterhaltsame Untersuchung der Kunst des Pas de deux. Am Ende steht eine Neueinstudierung von Terence Kohlers inter-mezzo zu Ausschnitten aus Dmitri Schostakowitschs Ballettsuiten. Jens Peter Abeles Musik zu Eric Gauthiers Stück kommt vom Band, sonst spielt – erstmals in einer Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung – das ATTACA-Jugendorchester der Bayerischen Staatsoper unter der Leitung von Allan Bergius.

Und was wird das Besondere an diesen Jubiläums-Galas sein?
Am 11. November kommen sowohl viele Absolventen unserer Akademie als auch frühere Mitglieder des BJBM. Das wird ein großes Wiedersehen der Ehemaligen und ihrer Unterstützer, bei dem wir sicher auch viel Interessantes darüber erfahren, was jetzt jeder macht. Und noch etwas: Zwischen unseren beiden Matineen tanzen wir fast das gleiche Programm abends im Cuvilliéstheater im Rahmen einer Benefiz-Gala, die unsere Botschafterin Dr. Irène Lejeune für die »Herz für Herz – Stiftung für Leben« veranstaltet. Diese Stiftung hat sie mit ihrem Mann Dr. Erich Lejeune vor 15 Jahren gegründet, um insbesondere Kindern in Vietnam zu helfen, die heute noch aufgrund des Einsatzes des chemischen Kampfstoffes Agent Orange im Vietnamkrieg weit häufiger als anderswo mit schweren Herzfehlern zur Welt kommen. Dieser Arbeit fühle ich mich schon lange verbunden, und den früheren Platz des BSB in Frau Dr. Irène Lejeunes Galas übernimmt jetzt das BJBM.

 

Karl-Peter Fürst

 


Heinz-Bosl-Stiftung, 40 Jahre Jubiläums- Matineen. Am 11. November und am 2. Dezember, 11 Uhr, im Nationaltheater. Karten nur über die Stiftung unter heinz-bosl-stiftung.de. Die gleiche Vorstellung auch am 16.11. im Cuvilliéstheater um 19.30 Uhr, Benefiz-Gala der »Herz für Herz – Stiftung für Leben!« Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

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