Sergei Polunin als Jean de Brienne, im Hintergrund das Ensemble. (c) Serghei Gherciu

Polunins Debüt als Jean de Brienne

Am Bayerischen Staatsballett debütierte in »Raymonda« neben Polunin auch Osiel Gouneo

Ritterfräulein Raymonda wird von ihrem ihr gerade zugeführten Bräutigam enttäuscht, weil der sie wegen eines Kreuzzuges gleich wieder verlässt. Von einem exotischen Gast am Hof ihres Vaters aber, von Abderakhman, wird sie leidenschaftlich umworben. Deshalb steht sie kurzzeitig zwischen zwei Männern. Die Wiederaufnahme des von Ray Barra luftig und leicht eingerichteten Petipa-Klassikers zeigte auch in dieser Spielzeit, dass das Bayerische Staatsballett einen Auftritt mit dieser Raymonda-Version in keiner Ballettmetropole der Welt scheuen müsste, zumal die tänzerischen Qualitäten des Corps de ballet, der Weißen Dame sowie all der Freundinnen und Troubadoure auch unter der Leitung von Igor Zelenski überzeugen und die Titelfigur mit Ksenia Ryshkova und Lauretta Summerscales zwei Mal gut besetzt werden kann.

Vor diesem Hintergrund debütierten am 6. Oktober zwei Tänzer, von denen der eine als Star-Virtuose in München, der andere weltweit in aller Munde ist: Sergei Polunin, der überragende »Bad Boy« des Balletts. Kaum wurde sein Gastauftritt publiziert, war das Nationaltheater ausverkauft. Und Polunin schien spielfreudig zu sein. Als er Raymonda ihren Brautschleier schenkte, nahm er sie jedoch kaum wahr, und als der König eintraf, war Jean de Brienne nach gravitätischer Variation und Gefolgsschwur auch schon weg. Ksenia Ryzhkova tanzte folglich mit emotionaler Leere, bis Abderakhmans Auftritt sie bannte. Denn Osiel Gouneo erschien animalisch, wahrte neben seinem schlangenhaft verführerischen Tanz den akademischen Stil, etwa beim hoheitsvollen Gang hinter das Raymondas Familie schützende Standbild, auf das er noch im Verschwinden seinen dominanten Schatten warf. Faszinierend auch sein Erscheinen in Raymondas Traum, das ihre Leidenschaft weckte. Als sich Abderakhman ihr im zweiten Teil mit all seiner Kraft zuwandte, überraschte Gouneo mit amüsanten Details wie dem Wegschubsen der sich zwischen ihn und Raymonda stellenden Freundinnen. Vor seinem sarazenischen Hofstaat, den er souverän präsentierte, trieb er mit einer rasend schnellen Manege die sich anbahnende Verführung Raymondas dramatisch auf die Spitze, ehe ihn Jean de Briennes Schwertstreich tödlich traf.

Und Polunin? In Raymondas Traum, der sie zart mit Jeans Zuwendung umhüllte, fand Ksenia Ryshkova in ihm eine starke Stütze für den tänzerischen Ausdruck ihrer Sehnsucht. Doch als er ihr in der Schlüsselszene nach dem Kampf mit Abderakhman seine Liebe gestand, musste man enttäuscht sein. Zudem tanzte er auf dem Hochzeitsfest eine unsaubere Variation, bei der ihm seine Haarmähne die Sicht verklebte, was Raymondas feinem Marathon auf Spitze, den sie tadellos absolvierte, wie eine Faust aufs Auge vorausging. Wohl mit dem Gedanken, er müsse für seinen Ruf noch etwas tun, zog er am Ende alle Register und sprang, im Freistil fliegend und so landend, dass sich dabei fast jeder andere verletzt hätte, spektakulär weit über die Bühne. Teile des Publikums johlten! Aber: Hätte man Polunin so auftreten lassen sollen, dass er wilder war als Abderakhman? Natürlich hat er im Bewusstsein seines Weltruhms eine ungeheure Präsenz und kann noch physisch elektrisieren, was er sich früher hart erarbeitet hat. Und seine Ausstrahlung war trotz all seiner Eskapaden sympathisch! Aber man muss – sofern ein bescheidener Kritiker das darf – ihm wünschen, dass mit ihm gut gearbeitet wird und er dafür wieder empfänglich ist, damit er nicht vor der Zeit, wie andere Große, ein Opfer des eigenen Ruhms wird.

 

Karl-Peter Fürst

  


19. Januar, 19.30 Uhr und 20. Januar, 18 Uhr, Nationaltheater. Karten: Bayerische Staatsoper.

 

 

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