Szene aus »Rubies« mit Nancy Osbaldeston und Osiel Gouneo (c) Wilfried Hoesl

Formale Ästhetik

Balanchines dreiteiliger Ballettabend »Jewels« am Bayerischen Staatsballett

Ballettdirektor Igor Zelenski tanzte in George Balanchines Jewels noch vor wenigen Jahren als Erster Solist des New York City Ballet. Diese Company hatte Balanchine, der als 20-Jähriger das St. Petersburger Ballett verließ, 1925 in Paris Chefchoreograf der Ballets Russes wurde und 1934 die School of American Ballet ins Leben rief, im Jahr 1948 gegründet. Im Jahr 1967 umspielte der mittlerweile 63-Jährige, beim Flanieren auf der Fifth Avenue durch die Auslage des Luxusjuweliers van Cleef & Arpels dazu inspiriert, die Bildsprache dreier Edelsteine. Er schuf damit das erste abendfüllende abstrakte Ballett, feierte so seine Lebensstationen und reflektierte zugleich die Entwicklung des Tanzes in den Kulturräumen, die ihn geprägt oder die er geprägt hatte.

Ein hörbares »Ah!« ob der Bühnenbilder von Peter Harvey und des Ensembles in Barbara Karinskas edelsteinbesetzten Kostümen begleitete drei Mal die Öffnung des Vorhangs. Es begann mit Emeralds, der Hommage an Paris als Ursprungsort des romantischen Balletts. Zu Musik von Gabriel Fauré tanzten in sanftem Smaragdgrün zehn Tänzerinnen in den für diese Epoche charakteristischen langen Tutus, davor zwei Solopaare und ein Trio. Mit ihrem Trippeln auf Spitze, vielfältigen Port de bras und Epaulements bildete Prisca Zeisel an der Seite Emilio Pavans lyrisch ein ruhiges Zentrum. Jeanette Kakareka begann als Partnerin Henry Greys mit hohen Beinen elegant und gewann im zweiten Pas de deux an seiner Seite über akzentuiert gestaffelte Bewegungsführung starke Ausstrahlung. Maria Chiara Bono, Vera Segova und Dmitri Vyskubenko überzeugten mit der synchronen Geschlossenheit ihres Trios. Aber schon diesen Smaragden fehlte es an Vitalität, und mit der Ambiguität zwischen der erinnerten Romantik und der Modernität eines Stücks des 20. Jahrhunderts auch etwas am geistigen Reiz.

Zu Strawinskys jazzigem Capriccio für Klavier und Orchester illustrierte Rubies die verführerische Lebensfülle Amerikas. Acht Tänzerinnen in roten Kleidchen bildeten mit vier Tänzern einen präzisen Revue-Hintergrund, doch fiel ihr Kippen der verführerisch schräg gestellten Hüften zu schwach aus. Das galt auch für Prisca Zeisel, deren Solo alle hätte in Bann schlagen sollen, dazu aber zu solide und brav blieb. Als weitere Solisten tanzten Nancy Osbaldeston vom Royal Ballet of Flanders und Osiel Gouneo virtuos, doch ließen sie kaum den gewitzten Wettstreit ihrer Partnerbeziehung erkennen. Energischer ausgreifende Schritte hätten das Ganze wohl stärker akzentuieren und aussagekräftiger machen können.

In silberweißem Licht tanzten vier Dreiergruppen von Diamantenmädchen in halblangen Tutus zu Peter Tschaikowskys Sinfonie Nr. 3 D-Dur Walzerschritte zum Auftakt. So versinnbildlichte Diamonds die Rückkehr Balanchines in seine erste Heimat, das russische Zarenreich mit dessen klassischem Ballettrepertoire. Im Zentrum vor weiteren je vier Halbsolistinnen und -solisten zeigte Ksenia Ryzhkova an der Seite von Alexey Popov nur flüchtige Momente hoher Tanzkunst. So wirkte die Erinnerung an die der Vergangenheit angehörende Zeit zaristischer Pracht erst majestätisch, als alle in langsamer Schrittfolge elegant und homogen ihre finale Polonaise zelebrierten. Denn mit dem Subtext, wie der Tanz, analog zu Petipas Aurora, allmählich aus seiner märchenhaften Verzauberung zum realen Leben fand, fehlte auch die Magie des gesamten Verlaufs.

Das Programmheft informiert vorzüglich über Text und Kontext von Balanchines Jewels. Mit diesem Wissen könnten besonders die Solisten gewinnen, deren Charisma gerade für abstrakte Ballette wichtig wäre. Es bleibt aber auch festzuhalten, dass die homogene Präzision des Ensembles zu einer hohen formalen Ästhetik dieser Jewels führte, der das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung des versierten Robert Reimer Flügel verlieh.

 

Karl-Peter Fürst

 


George Balanchine: Jewels (Emeralds/Rubies/Diamonds). Nächste Vorstellungen am 3., 11. und 21. April 2019, Nationaltheater. Karten: Tel. (089) 21 85 19 20 und unter staatsballett.de.

 

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