Laurretta Summerscales und ihr Mann Yonah Acosta in »Spartacus«(c) Wilfred Hösl 

Erst Mensch, dann Künstler 

Interview mit Laurretta Summerscales

Die Ballettfestwoche des Bayerischen Staatsballetts präsentiert 2019 keine neue Premiere, doch viele Gaststars. Laurretta Summerscales aber, die charmante Erste Solistin aus England, zählt seit 2017 zu den starken hauseigenen Kräften. Zuletzt begeisterte sie in ihren John-Cranko-Debüts als Tatjana und als Katharina.

APPLAUS: Frau Summerscales, wer brachte Sie auf die Idee, das National Ballet zu verlassen?

LAURRETTA SUMMERSCALES: Niemand. Für jeden kommt einfach die Zeit, dass er neue Erfahrungen sucht. Ich hatte es gut in London. Aber dann sehnte ich mich nach neuen Herausforderungen und neuen Stücken. Denn wenn man an einer Bühne traulich eingewohnt ist, droht Stillstand und es geht bergab.

Was gab bei Ihrem Neubeginn den Ausschlag für München?

Das fantastische Repertoire. Es war, als hätte man hier in meinen Gedanken gelesen, was ich tanzen will. All die unterschiedlichen Tanzsprachen! Je mehr man davon tanzt, desto mehr lernt man.

Haben Sie schon Freunde in der Kompanie? Und was gefällt Ihnen an München?

Mittlerweile fühle ich mich hier sehr wohl und unterhalte mich gut mit vielen Kollegen. Mit meinem Mann Yonah Acosta – er ist auch Erster Solist hier – bin ich von zu Hause auch immer schnell im Theater. Wir sollten allerdings mehr ausgehen. München ist eine wunderschöne, saubere Stadt, die man unbesorgt erkunden kann. In London wusste ich, dass man in vielen Gegenden auf der Hut sein muss.

Sie sind mir erstmals als bezaubernde Kitty in »Anna Karenina« aufgefallen. War das Ihre erste Rolle hier?

Vorher habe ich Myrtha in Giselle getanzt. Und auch die Titelrolle in Alice im Wunderland. Ich hatte innerhalb weniger Wochen viele Debüts.

Kitty haben Sie mit Jonah Cook sehr glaubhaft getanzt. Haben Sie auf der Bühne einen Lieblingspartner?

Man lernt von jedem Partner, und deshalb gefällt es mir zu wechseln. Wenn mein Mann mein Partner ist, korrigiert er mich. Andere muss ich schon eher dazu auffordern. Jetzt klappt das mit allen Kollegen.

Oft tanzten Sie die Zweitbesetzung oder die zweite Hauptrolle. War das für Sie ein Problem?

Nein, für mich ist die Hauptsache, dass ich tanze. Wenn ich zu wenig Einsätze bekäme, würde ich fragen: Warum? Aber es läuft gut. Letztes Jahr war ich Olga in Onegin, jetzt auch Tatjana. Da war es ein Vorteil, vorher die kleinere Schwester zu tanzen, denn so kannte ich als Tatjana die Story aus zwei Perspektiven.

Ist für Sie die eigene Lebenserfahrung bei der Gestaltung neuer Rollen wichtig?

Oh ja, ich versuche, sie möglichst viel zu nutzen. Und wenn ich jemanden darstellen soll, dessen Erfahrung mir ganz fremd ist, schaue ich mir Filme an. Über meine Reaktion darauf komme ich auch einem fremden Charakter näher, indem ich mich frage, wie ich mich in dessen Lebenslage fühlen würde. Dann denke ich lange nach, um nicht zu tun, was ich selbst täte, sondern das, was zum Beispiel einer Raymonda entspricht.

Was ist Ihrer Meinung nach für die Zuschauer im Ballett am wichtigsten?

Die Zuschauer erwarten von ihrem Theaterbesuch, in ihrem Inneren emotional berührt zu werden. Um zur Erfüllung dieser Erwartung beizutragen, breche ich aus meiner Realität aus und vergesse alle privaten Probleme. Dann bin ich auf der Bühne glücklich, habe alle Energien und Gefühlsäußerungen parat und gehe voll rein in das, was das jeweilige Stück zeigen soll.

Und wenn Sie dank guter Vorbereitung so frei sind, dass Sie auf der Bühne nicht mehr denken müssen, reichern Sie mit Ihrer Persönlichkeit an, was im Stück angelegt ist. Richtig?

Genau. Wer im täglichen Leben keine ausgeprägte Persönlichkeit hat, wird auch in seiner Rolle klein sein. Man muss zuerst Mensch sein, dann Künstler!

Interview: Karl-Peter Fürst


Ballettfestwoche 2019. 11.-18. April, Nationaltheater.

Karten: Tel. (089) 21 85 19 20.

»Jewels«, 11. April, 19.30 Uhr

»Die Kameliendame«, 12. April, 19.30 Uhr

»Onegin«, 13. April, 19.30 Uhr

Matinee der Heinz-Bosl- Stiftung, 7. und 14. April, 11 Uhr.

»Der Widerspenstigen Zähmung«, 14. April, 19 Uhr

»Spartacus«, 15. April, 19.30 Uhr

»Portrait Wayne McGregor«, 16. April, 19.30 Uhr

»Alice im Wunderland«, 17. April, 18 Uhr »Anna Karenina«, 18. April, 19.30 Uhr

Karten für die Matinee nur über tickets@ballettstiftung- heinz-bosl.de und Tel. (089) 33 77 65.

 

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