Sylvana Krappatsch, Vincent Glowinski (c) Danny Willems

Wo soll ich noch tanzen?

Bildgewaltig hat Wim Vandekeybus mit dem Residenztheater „Die Bakchen“, das Dionysos-Stück des Euripides, ins Cuvilliéstheater katapultiert

Fast gleichzeitig mit Jan Fabre, Alain Platel und Anna Teresa De Keersmaker brachte Wim Vandekeybus in den 80-er Jahren die bis heute relevante „Flämische Welle“ des zeitgenössischen Tanzes ins Rollen. 1986 gründete er die Gruppe Ultima Vez, die ihm schon bald als Plattform diente, um verschiedenste Künstler für seine multidisziplinären Projekte zu engagieren. In einer Koproduktion mit dem Residenztheater, das seine Kapazitäten unter Intendant Martin Kusej zum dritten Mal mit starken Kräften des Contemporary Dance verband, inszenierte er nun Die Bakchen nach Euripides, wie immer auf der Suche nach neuen Formen. Erreicht wurde die Wiederentdeckung eines großen Stoffs, physisch veranschaulicht und faszinierend dicht.

Auf Thebens Burg kündigen die Residenz-Schauspieler Wolfram Rupperti als alter Stadtgründer Kadmos und René Dumont als Seher Teiresias an, in den Bergen zu tanzen, und Agaue, die Tochter des Kadmos, führt bereits dem Dionysos ergebene Mänaden an. Ihrem Sohn Pentheus, dem von Till Firit gespielten jungen König von Theben, rät Kadmos, diesen neuen Gott zu ehren. Doch Pentheus hält das, was dessen Gefolge tut, nicht für Religion, sondern für Obszönitäten, verhängt also ein Ausflugsverbot. Agaue aber will tanzen, sucht Entwicklung durch Veränderung. Traumhaft schön illustrieren die Schwünge von Aymará Parola und Zoe Gyssler in kreisenden Hebungen die frühlingshafte Sehnsucht der Sinne. Live-Malereien lassen Thebens belebte Waldhöhen erahnen, und die Musik von Dijf Sanders zieht das Publikum in das mythische Geschehen. Er spielt sie live durch Schlagen oder Streichen selbst gespannter Saiten, modifiziert deren Töne durch digitale Signalprozessoren und schafft ein umfangreiches Spektrum leiser sphärischer Klänge bis hin zu bombastischen Klanggewittern. Dionysos stellt sich als Gott all dessen vor, was nicht kontrollierbar ist, und das Bühnenspiel steigert sich zu einer Orgie. Der ganze Text des Euripides, von Peter Verhelst in wenige Worte gedrängt, wird hier physisch sichtbar.

Ermattetes Keuchen folgt auf die Ekstase, Schnauben deutet auf Triebhaftigkeit, die Horacio Macuacua, Mozambiques exponiertester Tänzer, exzessiv darstellt. Welch ein Gegensatz dazu die Vernunft-Parolen, ein Anführer dürfe keine Prinzipien haben, sondern müsse geschmeidig und beliebt sein! „Gib dem Volk, was es will, und nimm ihm, was zur Erhaltung der Herrschaft wichtig ist.“ Mit den Symbolen, die Vincent Glowinski gemalt hat, lässt Pentheus übertünchen, was vermisst werden könnte. Dennoch laufen alle Dionysos nach, und der junge Herrscher wird hart bedrängt: Wessen Gesetze sollen hier gelten? Eine Doppelflöte beschwört ruhigere Bilder: Agaue lässt sich betören, entzieht sich, im Duett tanzen zwei Männer wie Faune. Man muss nicht alle Szenen entschlüsseln, sie faszinieren auch so. Was ist ein Gott? Die Kraft, alles zu tun, was ein Zeus tut, großzügig und freigebig! Und Dionysos offenbart: Ich, der Beweis seiner Liebe, wurde gerettet, um zurückzukehren, um zu zeigen die Liebe des Zeus zu meiner Mutter, deren Andenken Theben verweigert. Sie bringe ich nach Hause zurück, und mit ihr meine Raserei. Pentheus sieht als Vision: Die Frauen zerreißen ein Tier, ihr Tanz wird ekstatisch. Welche Kräfte dieser Mythos darstellte, kann man hier fühlen.

Pentheus aber ruft die Wachen, und Dionysos beginnt seine Rache, indem er ihn verführt: „Willst du nicht sehen, was die da aushecken, nackt übereinander?“ Als einseitiger Verfechter des rationalen Nutzens neu an der Macht, antwortet Pentheus: „Ich bin es meinem Land schuldig, das mit eigenen Augen zu kontrollieren.“ Agaue rückt in den Fokus, reflektiert, wie die Pflichtarbeit einer Frau im Gegensatz zu ihren Sehnsüchten steht. „Was ist das Leben? Welche Überflüsse bietet es!“ Solche Gedanken scheinen ins Reich des Wahnsinns gebannt. Die Choreografie aber zeigt die Mänaden, wie sie in einem von der dionysischen Natur dem Sinnenhunger bereit gestellten Überfluss tanzen. Und Kadmos lobt seine Tochter: „Dreh dich, dreh dich!“ Wäre das heute auch denkbar?

Man kann zu dieser Vorstellung nur sagen „Wahnsinn!“ – in der Bedeutung „saustark!“ Das kolossale Bühnenbild hat sich gedreht. Agaue betastet das Gesicht des Kopfes unter ihrem Arm. Die Szene, in der sie begreift, dass sie im Rausch ihren Sohn getötet hat, ist ungekünstelt und großartig gespielt von Sylvana Krappatsch. Pentheus scheint posthum Recht zu bekommen. Wäre da nicht die Schlussrede des Dionysos: „Die Bürger meiner Stadt haben die Erinnerung an meine Mutter verweigert und mich beleidigt.“ Euripides, im 5. Jh. v. Chr. innovativ als Dichter und Regisseur, hätte sich über die Wucht dieses Gesamtkunstwerks gefreut, weil Wim Vandekeybus mit seinem Team nicht nur den Aufeinanderprall zweier Prinzipien, der immer Thema der Attischen Trägödie war, verstanden hat, sondern auch heutige künstlerische und bühnentechnische Möglichkeiten faszinierend entwickelt. Wenn das Residenztheater diesen 90-Minuten-Trip in die nächste Spielzeit übernimmt, bleibt München – zumal mit „Dionysos Stadt“ an den Kammerspielen! – Hauptstadt des Theatergotts.

Karl-Peter Fürst

  


Nächste Termine: am 23. und 25. Mai um 20 Uhr, am 26. Mai um 19 Uhr sowie am 27. und 28. Juni um 20 Uhr.

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