Das Theater Titanick verspricht mit »Alice on the Run« hautnahes Erlebnistheater © MARTIN JEHNICHEN, CHRISTOPH SCHREIN

Poesie und Politik

Vier Wochenenden, vier aufsehenerregende Straßentheater-Produktionen: Bei freiem Eintritt bietet das Tollwood-Festival seinen Besuchern in diesem Sommer Open-Air-Spektakel am Schnittpunkt von Theater, Tanz, Musik, bildender Kunst und Zirkus.

Im Zentrum steht freilich immer die Verzauberung, steht das Staunen. Allerdings nicht als Selbstzweck, vor allem beim Theater Titanick. Alice on the Run (27.-29. Juni) ist eine Adaption durch die deutsche Aktionstheater-Truppe von Lewis Carrolls Alice im Wunderland. Die Titelfigur begegnet auch hier einer Reihe seltsam skurriler Wesen, einige kennt man aus der Vorlage, das Kaninchen etwa sowie die gute und die böse Königin. Alice selbst ist jedoch eine andere in dieser Abwandlung: eine Entwurzelte, der man ihr Dach über dem Kopf rabiat zerstört. Sie wird so zu einer Stellvertreterin für alle, die vor Kriegen, Hungersnöten oder aufgrund von politischer oder religiöser Verfolgung aus ihrer Heimat fliehen, um eine neue zu suchen. Sie findet sich sehr schnell in Szenerien wieder, die ihr fremd sind, suspekt, unheimlich. In Situationen also, in denen sie nicht weiß, wie sie sich verhalten soll. Situationen, die anders als bei Lewis Carroll durchaus Ähnlichkeit haben mit der gegenwärtigen Realität. Die Zuschauer werden dabei zu einem Teil des Geschehens, können kaum passiv bleiben. »Hautnahes Erlebnistheater« nennt das Theater Titanick seine Arbeiten.

Die Compagnie Dyptik aus St. Etienne in Frankreich schließt am Abschluss-Wochenende die politische Klammer des Straßentheater-Programms von Tollwood mit ihrer Inszenierung D-Construction (18.-20. Juli). Sechs Tänzer sind anfangs durch ein metallenes Gitter von den Zuschauern getrennt. Dieses Gitter trennt zwischen drinnen und draußen, zwischen Dazugehören und Ausgeschlossensein. Markiert ein Gefängnis. Sich daraus zu befreien, das Gitter zu überwinden, vielleicht sogar niederzureißen, geht nicht ohne Gewalt. Die Hip-Hop-Choreografie von Souhail Marchiche und Mehdi Meghari verhandelt letztlich auch Fragen von Legitimation einerseits und politischem Willen andererseits. Soll das Sextett dazugehören? Will sich das Publikum von ihm überwältigen lassen? Sind wir alle tatsächlich eine große Familie – oder ist das eine Illusion?

Sich etwas vorzugaukeln oder ganz bewusst vorgaukeln zu lassen, setzt freilich mitunter die Fantasie in Gang. Aus der sich schließlich eine Energie entwickelt, ohne die Veränderung gar nicht erst denkbar ist. Die aktuellen Debatten über eine Vergemeinschaftung von Wohnungsbau-Gesellschaften oder Automobilkonzernen, die Demonstrationen für eine radikale Änderung unserer Lebensweise zur Rettung des Klimas und damit unserer Lebensgrundlage mögen allesamt vollkommen unrealistisch erscheinen. Ob dieses vielfältige Aufbegehren letztlich nicht aber doch zu beträchtlichen Umwälzungen führen wird, kann nicht ausgeschlossen werden. So konkret, so rebellisch ist die französische Compagnie des Quidams nicht, ein tolldreistes Spiel mit Fantasien und Träumen führt sie in FierS à Cheval (4.-6. Juli) dennoch auf. Überlebensgroße Pferdefiguren, die aus wenig mehr als Licht und Luft bestehen, wischen alle Konventionen hinweg. Die Tiere sind nicht mehr an ihre eigentliche Physis gebunden, verwandeln sich in Wesen, denen kaum noch Grenzen gesetzt sind. Kleine Choreografien werden aufgeführt über große Träume. Verwirklichung nicht ausgeschlossen.

Die Compagnie L’Homme debout, auch sie aus Frankreich, nimmt schließlich das gesamte Festivalgelände ein mit der Produktion Vénus (11.-13. Juli). Eine Venus-Figur, siebeneinhalb Meter hoch, mächtig und doch filigran, wird wie Gulliver in Liliput das Terrain erkunden – und sich ihrerseits bei ihrer Parade bestaunen lassen. Die Venus als das weibliche Prinzip, als der hellste Himmelskörper, zu sehen jedoch nur in den Übergängen von Tag und Nacht, steht Patin für dieses Wesen. In dem wir uns selbst entdecken können, wie wir im Leben voranschreiten, straucheln, uns wieder aufrappeln. Wie wir innehalten, uns mitunter auch gehen lassen und wieder zur Besinnung kommen. Konzentriert in einem poetischen Zeitraffer. Und nicht verbergend, dass diese Figur keinesfalls als Solitär funktioniert, sondern helfende Hände braucht, um voranzukommen.

Stefan Fischer


Tollwood Theatersommer. Olympiapark Süd, Eintritt frei. tollwood.de. Theater Titanick, »Alice on the Run«, 27., 28. und 29 Juni, 21.50 Uhr. Cie des Quidams, »FierS à Cheval«, 4., 5. und 6. Juli, 22 Uhr. L‘Homme debout, »Vénus«, 11., 12. und 13. Juli, 22 Uhr.

 

Theater

Der neue Intendant Andreas Beck © LUICIA HUNZIKER

»Haus der Literatur«

Neuzugriffe auf klassische Stoffe prägen die Spielzeit des Residenztheaters unter Andreas Beck.
Weiterlesen ...
Zum Seitenanfang