Lisa Schwarzer und Hardy Punzel © JEAN-MARC TURMES

Hedda will kämpfen!

In dem dokumentarischen Stück »Die Rote Republik« umkreist das junge Schauspielensemble der Theaterakademie August Everding die großen Fragen der Zeit.

Eine Video-Collage. Die Theresienwiese in Schwarz-Weiß, voller Menschen, die unter der Bavaria stehen. Das Jahr 1918: Arbeiterinnen und Arbeiter demonstrieren. Das Bild färbt sich rot. Gewalt, Blut, Kanonen, Soldaten. Schon ist man mittendrin in den Zeiten des Umbruchs, der Revolution. Christine Umpfenbach hat mit Schauspielstudierenden der Theaterakademie August Everding ein Theaterprojekt mit dem Titel Die Rote Republik erarbeitet. Ausgehend von den Biografien der Protagonistinnen und Protagonisten der Bayerischen Räterepublik, historischem Material und Zeugnissen überführt das Ensemble den Revolutionsgedanken ins Heute, in die Frage, wo wir heute wären ohne diese Revolution – und wo der Widerstandsgeist heute geblieben ist. Im Akademietheater steht ein Sockel wie der über der Theresienwiese. Nur ohne Bavaria, ein Machtvakuum symbolisierend. Wer es füllen kann, das ist hier die Frage. Spielerisch umkreist das Ensemble die großen Fragen der Zeit, der Revolution und des Theaters. Die Königsfamilie flieht am 7.11.1918 aus der Stadt nach Schloss Wildenwart am Chiemsee, die Schauspielerinnen und Schauspieler springen von einer Rolle in die andere, Königin, Hofchargen, Kammerfrau … Während auf den Straßen die Republik ausgerufen wird, kommt der königliche Wagen vom Weg ab und bleibt im Acker stecken. Szenen, die konkret in Raum und Zeit der Revolution verortet sind, wie diese wechseln mit Zitaten aus Ernst Tollers Masse Mensch und freien Assoziationen, es entwickelt sich ein dichtes Spiel mit historischen Vorbildern, literarischen Figuren und Darstellerpersönlichkeiten.

Im Chor sprechen sie »Schön und jung und stark« und »Verschwende deine Jugend«. Als wollten sie sich Mut zusprechen. Doch Revolution – was ist das? Und wo fängt sie an? Als Code vom Fahrradschloss das Jahr der Französischen Revolution einstellen? Doc Martens anziehen? Für die Bienen ins Rathaus gehen? Greta Thunberg, die den Mächtigen ins Antlitz sagt, was Sache ist? »Our house is on fire. I want you to panic. And I want you to act«? Zurück: 8.11.1918, Bayerischer Landtag. Anita Augspurg, Hilde Kramer. Warum sind die Reden der Männer aufgezeichnet, die einer Zenzl Mühsam jedoch nicht? Frauen an die Macht? Eine Utopie, damals. Und heute?

Begleitet von Hardy Punzel am Klavier singen die Schauspielerinnen Enea Boschen, Almut Kohnle, Lavinia Nowak und Lisa Schwarzer Raus mit den Frauen aus dem Landtag von Claire Waldoff. Ein Lied von 1926. Wie viel hat sich seitdem wirklich getan in Sachen Emanzipation und Gleichberechtigung? Auch eine dieser Fragen, die an diesem dichten Abend anklingen. Denn nicht nur in der Politik sind Frauen bis heute weniger präsent, auch im Theater. Und schon sind wir mitten in der Lebenswirklichkeit der Studierenden. »Frauen fehlen. Auch heute. Es gibt mehr Männer-Rollen im Theater. Sie sind die, die handeln. Dann spiele ich eine Hedda Gabler und dann heißt es ›Hedda ist lethargisch‹, ›Hedda will sterben‹, ›Hedda ist einfach traurig‹. Hä? Hedda will kämpfen, aber kann nicht, weil sie so nicht geschrieben wurde.«

Dem Ensemble gelingt eine eindringliche Collage aus Vergangenheit und Gegenwart, aus Spiel und Realität. Manchmal gerät der persönliche Zugriff ein wenig naiv und klischeehaft wie die Statements zu Nazis und dem AfD-Onkel, »den jeder im Osten in seiner Familie hat. Der ist so ein lieber, lustiger Mensch und dann driftet der plötzlich in diese Richtung ab.« Über weite Strecken jedoch funktioniert die Mischung gut. Der Abend erzählt nicht eine Revolution nach, er reflektiert die Gedanken dahinter. Wäre es nicht längst wieder Zeit für einen kleinen Aufstand? Anlässe gäbe es ja genug.

Anne Fritsch

 


Christine Umpfenbach: Die Rote Republik. Weitere Aufführungen am 14. und 15. Juni, 19.30 Uhr (Werkeinführung 19 Uhr), Akademietheater Mitte. Karten: Tel. (089) 21 85 19 70.

 

Theater

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