Der neue Intendant Andreas Beck © LUICIA HUNZIKER

»Haus der Literatur«

Neuzugriffe auf klassische Stoffe prägen die Spielzeit des Residenztheaters unter Andreas Beck.

Freunde des Literatur- und Schauspielertheaters dürfen sich freuen: Genau dafür tritt Andreas Beck ein. Als ein »Haus der Literatur« versteht der neue Intendant das Residenztheater in Distanzierung vom Performance-Hype. Biedere Kanonpflege aber liegt ihm fern. Ein Schwerpunkt seines ersten Spielplans ist die Gegenwartsdramatik. Richtungsweisend startet dieser mit zwei Auftragswerken: Am 18. Oktober feiert im Cuvilliéstheater Wir sind hier aufgewacht von Simon Stone Uraufführung, der basierend auf Calderóns Versgedicht Das Leben ein Traum und Marivaux' Komödie Der Streit die Identität des Menschen in Zeiten von Facebook & Co. untersucht. Einen Tag später stellt Nora Schlocker im Residenztheater Ewald Palmetshofers Stück Die Verlorenen vor.

Daneben mangelt es nicht an Klassikern – von Gorki über Büchner und Kleist bis Molière –, stets aber, betont Beck, sollen sie »rückhaltlos von heute aus betrachtet« werden. Literarische Überschreibungen und Neuzugriffe auf klassische Stoffe prägen sein Programm, das sich in vielfältigen Regiehandschriften mit der Frage befasst: »Was ist uns der Mensch? Welchen Wert messen wir ihm heute bei?«

Der in Mühlheim an der Ruhr geborene Intendant ist kein Polterer und Hoppla-jetzt-komm-ich-Typ. Der 54-Jährige präsentierte sich bei der Spielplanvorstellung menschlich zugänglich und unprätentiös ernsthaft. Martin Kušejs Nachfolger kündigte keinen radikalen Umbruch an, sondern will »sanft und sacht die Staffel übernehmen und in die Zukunft führen«.

Dass er ein Haus zum Glänzen bringen kann, hat Andreas Beck in Basel bewiesen. Dort bescherte er dem Theater steigende Zuschauerzahlen, regelmäßige Einladungen zum Berliner Theatertreffen und 2018 die Wahl zum »Theater des Jahres«. Gleich acht Übernahmen holt er nach München, gefeierte Inszenierungen wie Simon Stones Drei Schwestern, Ulrich Rasches Woyzeck und Peter Lichts Tartuffe oder das Schwein der Weisen. Der Song-Poet wird für das Resi eine weitere Molière-Komödie neu dichten, sich in Der Eingebildete Kranke mit der Tabuisierung des Todes unter dem Diktat permanenter Selbstoptimierung auseinandersetzen.

Ein wichtiges Anliegen ist Beck, der in München studiert und in den 1990er-Jahren als Dramaturg am Bayerischen Staatsschauspiel gearbeitet hat, die lokale Verortung des Theaters. Neben Volksstücken von Marieluise Fleißer und Franz Xaver Kroetz lädt Thom Luz in Olympiapark in the Dark mit einer Komposition von Charles Ives zu einem akustischen Münchenspaziergang, Ringsgwandl schreibt Eine abenteuerliche Oper über Lola Montez und Bastian Kraft liest Wedekinds Lulu aus weiblicher Perspektive neu. Bei den lokalen Akzenten dominieren altbekannte Namen, doch für Entdeckungen muss man Beck wohl etwas Zeit geben. »Ich bin ein Mann der Kontinuität«, sagt er von sich. So bringt er zum Neuanfang Regisseure, Autoren und den Kern seines Basler Ensembles mit, um den sich viele vertraute Gesichter scharen wie Juliane Köhler, Aurel Manthei, Oliver Nägele, Sibylle Canonica und Oliver Stokowski. Brigitte Hobmeier kehrt dank Beck auf die Bühne zurück – wenngleich nur als Gast. Gäste aber sollen an seinem Haus die Ausnahme sein. Der Verfechter der Ensembletradition hat kein Faible für das Städte-Hopping im Theaterbetrieb. »Ich möchte nicht Künstler kurz einfliegen«, erklärt er, »sondern mit ihnen in und für München Theater machen.« Ob es ihm in der Stadt, die er als seine »zweite Heimat « bezeichnet, gelingen wird, seine Basler Erfolgsgeschichte fortzusetzen, darauf darf man gespannt sein.

Petra Hallmayer


Simon Stone: Wir sind hier aufgewacht. Premiere am 18. Oktober, Cuvilliéstheater. Karten: Tel. (089) 21 85 19 40.

 

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