Vincent Sauer, Jakob Immervoll und Mauricio Hölzemann © Arno Declair

Mondsüchtig

Bildstarke Inszenierung von Dürrenmatts »Die Physiker« am Münchner Volkstheater

Es ist eine verrückte Welt, die Vincent Mesnaritsch auf die Bühne des Volkstheaters gebaut hat: ein symmetrischer, aber schräger und aus den Fugen geratener Raum. Mit geometrisch gemusterten Fliesen und einem großen, kreisrunden Loch in der Rückwand, verschlossen durch einen Gaze­vorhang, der sich hell wie ein Mond beleuchten lässt, zur Leinwand für Schattenspiele wird oder den Blick freigibt auf ein mit Tropenpflanzen tapeziertes ­Atrium. Alles hier ist artifiziell und menschengemacht, ein Kunstraum, in dem die einzige Erinnerung an die Natur die Blättermuster auf der Tapete sind. Ein in sich geschlossenes System. Ein schönes Bild für die psychiatrische Anstalt, in der Friedrich Dürrenmatt sein Stück Die Physiker angesiedelt hat. Abdullah Kenan Karaca hat das Stück, das 1962 in Zeiten des Kalten Krieges uraufgeführt wurde, nun am Münchner Volkstheater inszeniert. Der Physiker Möbius, Entdecker der »Weltformel«, mimt den Geisteskranken, um die Welt vor den Folgen seiner Forschungsergebnisse zu schützen: »Was die Welt mit den Waffen anrichtet, die sie schon besitzt, wissen wir. Was sie mit jenen anrichten würde, die ich ermögliche, können wir uns denken.« Ihm auf der Spur: zwei Geheimagenten verfeindeter Mächte, die sich als Einstein und Newton ausgeben, um Möbius in die Anstalt folgen zu können. In gegenseitiger Belauerung und allgemeiner Irrsinns-Simulation verharren sie nun jahrelang gemeinsam im Sanatorium. Karaca setzt auf Situationskomik, überzeichnet die Figuren zu herrlich abseitigen Typen. Wie Mondsüchtige lässt er die Physiker vor der immensen weiß leuchtenden Scheibe über die Bühne und durchs Sana­torium torkeln. Die Morde an den Krankenschwestern, die sie begehen müssen, um ihre Tarnung nicht zu gefährden, inszeniert Karaca als (Kettensägen-)Massaker im Schattenspiel. Seine Inszenierungsweise ist eine bildstarke, vom Film inspirierte. Gekonnt setzt er auf ­Effekte und Filmzitate. Elke Gattinger hat dazu Kostüme entworfen, die einem Stummfilm entsprungen sein könnten: Varianten des Anstaltsanzugs in Beige-Tönen für die Physiker, opulente Kleider für die Damen, Gehrock und Toupet für Kriminalinspektor Voß. Leider vertraut Karaca jedoch nicht darauf, dass der Ernst des Themas in der Groteske bestehen kann, zieht in den Monologen zu den drängenden Fragen nach Wissen und Moral die Bremse und kehrt zurück zu einem merkwürdig sachlichen Ton. So schwankt der Abend ein wenig unentschieden zwischen Komödie und Lehrstück. Das zeitlos aktuelle Dilemma, das Dürrenmatt beschreibt; die Angst vor den Folgen der eigenen Erfindung; die Angst, zum modernen Prometheus zu werden, der der Menschheit eine weitere Macht anvertraut, mit der sie nicht umzugehen weiß – all das hätte präziser herausgearbeitet werden können, auch oder gerade mithilfe der Komik. Doch schaut man dem durchweg starken Ensemble gerne dabei zu, wie sie sich winden und allmählich selbst den Überblick verlieren, wer hier wirklich verrückt ist – und wer sie eigentlich selbst sind. Pascal Fligg, der als Kommissar in den Mordfällen ermitteln soll, wahrt tapfer einen Hauch von Souveränität, obwohl er gegen den vermeintlichen Irrsinn machtlos ist. Carolin Hartmann, die als Frau von Zahnd zwar das Sanatorium leitet, im Grunde aber selbst ihre erste ­Patientin sein sollte, legt schon mal einen Chanson-Tanz aufs Parkett, um der Anstalts-Tristesse durch einen Hauch Glamour zu entkommen. Luise Deborah Daberkow spielt die Schwester Monika, die naiv genug ist, an einen Ausweg, gar an ein Happy End zu glauben, der am Ende aber nur eine Wiederkehr als »Je ne regrette rien«-singender Braut-Zombie bleibt. Und dann die drei Physiker: Mauricio Hölzemann, Vincent Sauer und Jakob Immervoll werden zum Trio Infernale, weil sie zwar die Verrückten mimen, aber das Denken nicht einstellen können – bis es zu spät ist und die Erkenntnisse von Möbius’ Forschungen in die Welt entkommen. Die das wahre Irrenhaus ist.

 

 

Autorin: Anne Fritsch


Friedrich Dürrenmatt: Die Physiker. Nächste Vorstellungen am 7., 8. und 13. Oktober 2019, Münchner Volkstheater. Karten: Tel. (089) 5 23 46 55

 

Theater

Szene aus der Inszenierung © Bernd Seidel

TAT Kreativ-Akademie

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