Timocin Ziegler, Sebastian Schneider, Oleg Tikhomirov, Nina Steils, Jakob Geßner, Mauricio Hölzemann, Carolin Hartmann © Arno Declair

Liebe als Albtraum

Kieran Joel entzaubert Shakespeares »Sommernachtstraum« im Volkstheater.

Die Liebe ist fürchterlich. Auf allen vieren kriecht die arme Helena (Nina Steils) über den Boden. Sie bettelt, sie fleht, er möge sie schlagen, töten, alles will sie erleiden, wenn er nur bei ihr bleibt. »Geh weg!«, schreit Demetrius (Timocin Ziegler). Er demütigt sie, verhöhnt sie grausam, hat nur Augen für ihre Freundin Hermia (Carolin Hartmann), die ihr Herz an Lysander (Sebastian Schneider) verloren hat.

In Kieran Joels Version von Shakespeares Komödie ist die Liebe ein entsetzlicher Albtraum. Wie austauschbar die Objekte der Begierde sind, wird schon optisch deutlich: Alle tragen identische poppige Hemden, Jeans und Pilzkopf-Perücken.

»Sycamore Grove« steht auf dem Portal einer Ruine, deren Säulen geborsten sind. Das Bühnenbild (Ausstattung: Belle Santos) zitiert Romeo und Julia, doch der Glaube an die Luftschlösser romantischer Gefühle ist verloren. Hilflos torkeln die Menschen durch das emotionale Chaos, während Puck (klasse: Max Wagner) als Spielmacher, geschniegelter Conférencier und zynischer Analytiker den Wahn und das Narrentheater Liebe kühl kommentiert. Auch die Versprechen der Sexualität als befreiende anarchische Kraft haben jeden Reiz eingebüßt. Die Gier des mit gekrümmten Fingerkrallen an seinem Zottelhaar zupfenden Elfenkönigs (Pascal Fligg) und seiner Gattin, ein triebgesteuertes Lumpenpackpaar in dreckiger Unterwäsche, ist bloß gruselig. Lüstern fragt Titania (stark: Luise Deborah Daberkow) Oberon über seine Sexabenteuer aus und geilt sich auf an seinem Geständnis: »Erst hat sie mir einen geblasen, dann haben wir gefickt.«

Wer einen lustvoll verzaubernden Sommernachtstraum erwartet hat, der dürfte irritiert sein. Joel legt die verstörenden und finsteren Seiten von Shakespeares Text bloß, der uns im Gewand einer Komödie mit der Wankelmütigkeit der Herzen, unseren Illusionen und Selbsttäuschungen konfrontiert. Der 34-jährige Regisseur versucht, den Klassiker mit heutigen Augen zu lesen, und fokussiert sich dabei auf die Freundschaften zerbrechenden Verwirrungen, Rivalitäten und Leiden junger Liebender, die sich in einem Hamsterrad aus Textwiederholungsschleifen um sich selbst drehen. Die höfische Welt, Theseus, Hippolyta und Egeus, hat er gestrichen. Bei ihm gibt es keine Machtinstanzen, keinen autoritären Vater, der seine Tochter zu einer ungewollten Ehe zwingen will. Das ist durchaus konsequent, stattdessen aber hätte man gerne etwas über unsere Gegenwartsgesellschaft und ihre Normierungsmechanismen erfahren. Darauf jedoch lässt sich die Inszenierung nicht ein.

Petra Hallmayer

Den vollständigen Artikel finden Sie im Applaus-Heft 11/2018.


William Shakespeare: Ein Sommernachtstraum. Nächste Vorstellungen am 1. und 7. November, 19.30 Uhr, Volkstheater. Karten: Tel. (089) 5 23 46 55.

 

Theater

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