Rechte Seite: Im Zentrum der Inszenierung steht die kolossale Stahlkonstruktion von Ulrich Rasche © Thomas Aurin

Am Rande des Wahnsinns

Ulrich Rasche überwältigt am Residenztheater mit einer hypnotischen »Elektra«.

Nun also Elektra. Und wiederum eine kolossale Bühnenkonstruktion, von der im Vorfeld spekuliert wurde, wie viele Tonnen Stahl darin verbaut wurden (neun?). Eigentlich unmöglich für ein Theater, eine solche Bühne zu realisieren. Die Technik am Residenztheater kann das, und das ist beeindruckend: Ulrich Rasche, der hier bereits Schillers Räuber auf gigantische Laufbänder verfrachtet hat, hat für Hugo von Hofmannsthals Elektra eine Bühne entworfen, die im Grunde unbeschreiblich ist. Eine Art runder Käfig, der sich über eine auseinanderschiebbare und hochfahrbare, in verschiedene Richtungen drehbare Turmkonstruktion aus mehreren Schichten senken kann. Je nach Drehrichtung, Neigungswinkel, Höhe und Abstand zum Käfig ergeben sich so immer neue Perspektiven und Blickrichtungen. Ein liegendes Hamsterrad. Überwältigend. Rasches Inszenierungen lassen keinen Stillstand zu: Die Schauspielerinnen und Schauspieler müssen permanent in Bewegung bleiben, um der Bühnenmaschinerie nicht zum Opfer zu fallen, um nicht vom Käfig über den Bühnenrand geschoben zu werden oder von den anderen überrannt zu werden.

Die Bühne gibt den Figuren mal Raum, treibt sie dann in die Enge, an den Rand der Scheibe (und auch des Wahnsinns). Die Schauspielerinnen müssen der Choreografie der Maschine folgen. Die permanente Musik und Percussion geben einen beinahe hypnotischen Rhythmus vor. Es ist eine düstere Welt, die Rasche hier entwirft, mit einer starken Katja Bürkle als Elektra. Eine Tochter, die nicht anders kann, als den Mord an ihrem Vater Agamemnon immer wieder zu durchleben, gefangen im ewigen Gedanken an Rache. Ihre Mutter Klytämnestra, die den Vater mordete (um wiederum ihre Tochter Iphigenie zu rächen), muss sterben. Früher kann Elektra keinen Frieden finden. Am Rand der Scheibe steht sie – oder tritt vielmehr auf der Stelle – und schreit sich ihren Schmerz aus dem Leibe: »Das Bad dampfte von seinem Blut.« Der Chor ist wie ein Verstärker ihrer Gefühle, wiederholt ihre Worte wieder und wieder. Wie die Geister, die sie verfolgen. Ansonsten bleibt Elektra allein. Rasche reduziert Text und Personal aufs Wesentliche. Im Zentrum stehen Elektra, ihre Schwester Chrysothemis und Klytämnestra. Meist ist Elektra allein. Wenn Elektra sich Chrysothemis nähert, so nur, um Unterstützung für den Muttermord zu bekommen. Lilith Häßle spielt die als das Gegenteil der Elektra. Sie will die Vergangenheit ruhen lassen, endlich selbst leben: »Und immer sitzen wir hier auf der Stange wie angehängte Vögel«, sagt sie zu Elektra. Und genau das sind sie, was an diesem Abend durch die Bühne eindrucksvoll sichtbar wird: Angeleinte Vögel auf einer Scheibe hoch oben über dem normalen Leben. Vögel, die nicht fliegen können. Auch die Klytämnestra, die Juliane Köhler spielt, ist hier eine Leidende, keine Kämpferin.

Nun ist Rasches Theater da stark, wo seine Choreografien des Auf-der-Stelle-Tretens sich mit dem Text reiben, Stillstand entlarven, wo die Figuren sich fortschrittlich wähnen. Oder aber – wie in den Räubern – eine Radikalisierung sichtbar machen. Hier aber ist bereits der Text ein einziges Verharren, ein Warten. Die Figuren sind gefangen in Rachegedanken (Elektra) oder Selbstmitleid (Klytämnestra und Chrysothemis). Die Inszenierung bebildert anstatt zu kontrastieren. Gegen dieses strukturelle Problem des Abends kommen die starken Schauspielerinnen nicht ganz an. Bei all der Perfektion und Präzision dieses Abends bleibt ein Rest an Unbehagen. Ausgelöst durch einen Text, der doch recht larmoyant ist. Am Ende, der Vater ist gerächt durch den lange vermissten Bruder Orest, steht Elektra allein und nackt auf der Scheibe. Ein Lichterkranz senkt sich beinahe wie ein Heiligenschein über sie, die nun selbst zur Mörderin wurde. »Seht ihr das Licht, das von mir ausgeht?«, fragt sie. Doch da schwillt die Musik wieder an, der Käfig senkt sich um sie. Sie ist, was sie immer war: eine Gefangene. Die Rache keine Befreiung.

Anne Fritsch


Hugo von Hofmannsthal: Elektra. Nächste Vorstellungen am 4., 30. und 31. März, 19.30 Uhr, Residenztheater. Karten: Tel. (089) 21 85 19 40.

 

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