v. l. Samouil Stoyanov, Christian Löber, Damian Rebgetz, Thomas Hauser, Hürdem Riethmüller und Michael Gempart als groteskes Horrorkabinett © Armin Smailovic

Zukunft neongrell

Ersan Mondtag inszeniert Olga Bachs Politikfarce »Doktor Alici« an den Kammerspielen als eine Art Kasperltheater für Erwachsene.

Stell dir vor, es ist Zukunft. Und die ist wie die Gegenwart. Nur greller. Olga Bach, die künstlerische Wegbegleiterin von Ersan Mondtag, seinerseits landauf, landab gefeierter Hipster-Regisseur, hat ein neues Stück geschrieben: Doktor Alici. Die von Arthur Schnitzlers Professor Bernhardi inspirierte Politikfarce wurde jetzt an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt – in der Regie von Ersan Mondtag. Nina Peller hat dafür ein All-American-Einfamilienhaus mit Südstaatenanklängen und im Schwarzlicht neonleuchtender Fassade auf die Bühne gebaut. Die Hausnummer 88 ist selbstredend kein Zufall, geht es doch hier unter anderem um eine wieder erstarkende Rechte. Dieses Häuschen nun lässt sich drehen und wenden, wie man gerade will: Es bleibt eine Fassade. (Wie so einiges an diesem Abend.) Doch gerade darum geht es hier, um Äußerlichkeiten, hinter denen sich so manche Grausamkeiten verbergen. Gedreht wird das Häuschen von schwarzvermummten Gestalten, die auch mal zur Drohkulisse werden.

Alle anderen Figuren hat Teresa Vergho in grotesk übertriebene Kostüme gesteckt, die vor keinem Klischee haltmachen und immer noch eins draufsetzen. Da findet sich in diesem zukünftigen Horrorkabinett (das Stück spielt im bayerischen Wahlkampf des Jahres 2023) Samouil Stoyanov als Dr. Edmund Bauer, Leiter der Abteilung Staatsschutz, dessen langer schwarzer Ledermantel über der Wampe spannt und der sich optisch irgendwo zwischen Franz Josef Strauß und einem Blockwart einordnet; Hürdem Riethmüller als Dr. Selin Alici, parteilose muslimische Münchner Polizeipräsidentin, die in ihrem roten Hosenanzug einigermaßen seriös daherkäme, wäre nicht der schwarze Lackkragen; Michael Gempart als Abgeordneter der Ökologen, der zwar sein Käppi verkehrt herum trägt, ansonsten aber so jugendlich wirkt wie Graf Dracula; Thomas Hauser als langhaariger, aber grünstichiger Praktikant und Jelena Kuljić als Dr. Alicis Geliebte, die aussieht wie Minnie Mouse, verkleidet als Grufti.

Das also ist das Horrorkabinett des Jahres 2023. Die Bayern wähnen sich den Sachsen noch immer überlegen, der Klimawandel lässt sich nicht mehr leugnen. Es schüttet im Grunde den ganzen Abend aus Kübeln, der Regenschirm ist allgegenwärtiger Begleiter, was dem Abend noch mehr die Atmosphäre eines überbelichteten Film noir gibt. Mitglieder der Partei »Proaktiv fürs Abendland« planen Anschläge und werden – das bayerische Polizeigesetz erlaubt dies nun – in Präventivgewahrsam genommen.

Begleitet von schrillen Gebetsgesängen von Jelena Kuljić inszeniert Mondtag eine Art Kasperltheater für Erwachsene, eine Politfarce in grellsten Tönen, der keine Übertreibung zu übertrieben ist. Und manche Übertreibung ist gar nicht so abwegig. So sind Repräsentanten des Staates, die ebendiesen abschaffen wollen, in Zeiten, in denen die AfD tagtäglich an einer Aushöhlung des Rechtsstaates arbeitet, leider so dystopisch nicht mehr. Olga Bachs Text lässt einen manches Mal erschaudern. Weil die Zukunft, die sie entwirft, der Gegenwart gruselig ähnlich ist: »Sie haben bei der Verwahrlosung der Sprache mitgemacht«, heißt es da. »Angekommen sind Sie bei der Verwahrlosung des Rechts. Daran dürfen wir uns nicht gewöhnen. Sie selbst haben doch damals die Sicherheitsbehörden mit all den Befugnissen ausgestattet!« Damals, das war wohl das neue Polizeiaufgabengesetz, damals 2018 in Bayern.

Die Psychologie der Figuren interessiert Mondtag nicht, er zeigt Abziehbilder, Typen der politischen Welt, austauschbar, aber gefährlich. Wer sie verharmlost, darf sich später nicht wundern. Diese neongrelle Welt, sie leuchtet nach in die Münchner Nacht. Ist ein warnendes Puzzle-Teilchen in einer Gegenwart, die sich positionieren muss, um nicht selbst zur neorechten Farce zu werden.

Autorin: Anne Fritsch


Doktor Alici. Nach Arthur Schnitzlers »Professor Bernhardi«. Nächste Vorstellungen am 10. und 29. Oktober 2019, Münchner Kammerspiele. Karten unter www.kammerspiele.muenchenticket.net.

 

Theater

Szene aus der Inszenierung © Bernd Seidel

TAT Kreativ-Akademie

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