Max Wagner und Luise Deborah Daberkow ©Arno Declair

Supermann im Hamsterrad

Regisseur Simon Solberg kommt mit »Herakles« ans Volkstheater zurück.

Die Bühne ist mit Wasser überflutet. Ständig rutscht einer aus, knallt plitsch, platsch hin. Auf einem glitschigen Boden, der keinen Halt bietet, entfaltet Simon Solberg frei nach Wedekind, Euripides und Gustav Schwab seine Version der Tragödie des Herakles, den die eifersüchtige Hera um seinen Herrschaftsanspruch bringt. Der Kraftkerl wird zum Knecht seines Vetters, der ihm übermenschliche Aufgaben stellt. »Wenn all deine Arbeit von Erfolg gekrönt ist«, erklärt Eurystheus, »sollst ein Heim wie dieses dein Eigen du nennen.« Doch gleich, wie sehr Herakles schuftet, um seiner Frau Megara (Carolin Hartmann) und seinen Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen, die Glücksversprechen lösen sich nie ein. Nach jeder erfüllten Pflicht stellt Eurystheus neue Forderungen. Solberg jagt den antiken Helden ins Hamsterrad einer brutalen Leistungsgesellschaft.

Die heroischen Taten des Supermanns, der in spukhaften, nebeldurchwaberten Bildern Tiere tötet und die Amazonen niedermetzelt, sind blutige Werke der Vernichtung und Zerstörung. Solberg, der für seine Lust am wilden Sampeln bekannt ist, zeigt im Volkstheater eine im Vergleich mit früheren Inszenierungen erstaunlich geradlinige Regiearbeit. Selbstverständlich aber fehlen auch darin nicht typische Solberg-Scherze (»So wird eine Sandale draus«). Atlas sächselt und bellt von Herakles gefoppt: »Hey, du Fettarsch, komm du erst mal auf meine Baustelle.« Jakob Geßners Eurystheus hampelt mit ausgestopftem Bauchspeckreifen grimassierend herum. Warum Herakles' Tyrann solch ein grenzdebiler Trottel sein muss, erschließt sich nicht und nimmt der Herr-Knecht-Beziehung ihr dramatisches Gewicht. Als omnipräsentes Requisit (Bühne: Solberg; Kostüme: Katja Strohschneider) fungieren Schläuche in allen Varianten, die zum Hochzeitskleid geschlungen werden, als Säulen, Keulen, Schlangen, Arme, Penis und Baby dienen.

Das sechsköpfige Ensemble tollt und tobt mit großer Spielfreude durch Slapstick- und Fantasy-Szenen. Den schwierigsten Part hat Max Wagner als tumber, sprachlos stotternder Muskelmann, der schließlich ausgebrannt heimkehrt, seine ihm entfremdete Familie abschlachtet und zu spät zu Reue und Selbsterkenntnis findet. In der stärksten Szene klatscht er sich eine schlammige Masse ins Gesicht, macht es zu einer blinden Monsterfratze und beginnt rauschhaft entfesselt zu trommeln. Wagner schafft überzeugend die Wandlung von einer Comicfigur zu einem gescheiterten Menschen, dessen Verweiflung er eindringlich vorführt. In Anlehnung an Wedekinds Dramatisches Gedicht über Herakles als Kriegsheimkehrer erzählt Solberg eine Geschichte, wie man sie immer wieder in der Zeitung liest. Sein Herakles ist ein gehorsamer Untertan, der nichts reflektiert und hinterfragt, ein braver Malocher, der sich an der Arbeitsfront kaputt rackert und, als seine Frau sich von ihm trennen will, ausrastet und seine Familie auslöscht. Obgleich es nicht gelingt, dem antiken Halbgott diese Rolle psychologisch ganz stringent zuzuschreiben, ist Solbergs Zugriff auf den Stoff spannend.

Schade nur, dass sich die Inszenierung zunächst in Spielereien, Gags und Effekten verliert und etwas zu vordergründig bleibt. Nach dem Zusammenbruch des Helden aber gewinnt der Abend an Kraft und Wucht. Die Botschaft in Solbergs Abgesang auf destruktive Männlichkeitsideale, kapitalistischen Leistungswahn und die Zerstörung der Erde ist schlicht und klar. Wenn zwei Frauenstimmen als Orakel Herakles singend zur Ein- und Umkehr auffordern, soll ihre Mahnung natürlich auch uns gelten.

Petra Hallmayer

 


Herakles nach Texten von Franz Wedekind, Euripides und Gustav Schwab. Nächste Vorstellungen am 5., 9. und 15. März, 19.30 Uhr, Volkstheater. Karten: Tel. (089) 5 23 46 55.

 

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Max Wagner und Luise Deborah Daberkow ©Arno Declair

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