T»HAMLET: eine maschine« mit Luisa Wöllisch, Jan Dziobek, Tina Güllich, Sebastian Franz, Ernst Strich, Dennis Fell-Hernandez ©Johann Miedl 

Luisa Wöllisch–Ein Porträt

 In Münchens erstem inklusiven Theater stehen Schauspieler mit und ohne geistige und körperliche Behinderungen gemeinsam auf der Bühne. 

Letztes Jahr hat sie ihre Schauspielausbildung abgeschlossen. Seit März ist Luisa Wöllisch neben Tom Schilling, Birgit Minichmayr und Jella Haase in ihrer ersten Hauptrolle im Kino zu sehen. Im Oktober wird sie als Wedekinds Lulu auf der Bühne stehen. Das klingt wie ein traumhaft steiler Karrierestart. Doch sie möchte realistisch bleiben, betont die 22-Jährige. »Natürlich würde ich mich über weitere tolle Filmangebote freuen. Aber ich will nicht abheben.« Rollen für Menschen mit Down-Syndrom im Kino sind rar. In Alireza Golafshans Komödie Die Goldfische, in der ein nach einem Unfall querschnittsgelähmter Banker in eine Behinderten-WG zieht, die er einspannt, um sein Schwarzgeld in der Schweiz zu retten, war Wöllisch die Einzige, die ihr Handicap nicht spielte. Ihre eigensinnige, lebenslustige Franzi, befand ein Kritiker, beschere dem Film »einige der besten Szenen«. »Luisa hat uns wirklich alle umgehauen. Sie ist eine absolut professionelle Schauspielerin, die halt zufällig das Down-Syndrom hat«, meinte Golafshan nach den Dreharbeiten. Sie hat jeden Tag genossen. »Das Team war supernett. Alle haben mich so angenommen, wie ich bin.« Das ist für sie nicht selbstverständlich. »Dabei«, sagt sie mit der ihr eigenen berückenden Offenheit, »bin ich eigentlich ein sehr liebenswerter Mensch.« Es hat sie tief verletzt, wie man sie in der Schule und bei ihrer Arbeit in einer Cafeteria immer wieder »in die Behindertenschiene abschob«, wie wenig man ihr zutraute.

Bei der Freien Bühne München durfte sie endlich zeigen, was in ihr steckt. Sie konnte als Ophelia in Hamlet ihre »Traumrolle im Theater« spielen und gehört fest zum Ensemble. 2014 hat Angelica Fell das inklusive Theater gegründet. Anstoß dafür gab ihr Sohn, der mit Trisomie 21 geboren wurde und Schauspieler werden wollte. Er absolvierte ein Praktikum beim Berliner Theater RambaZamba und eine Qualifizierungsmaßnahme beim Münchner IMAL. Doch die Möglichkeit einer professionellen Ausbildung und dafür kontinuierlich Bühnenerfahrung zu sammeln, gab es für ihn in München nirgends. Die FBM bietet Menschen wie Dennis nun diese Chance. Unter Regie des künstlerischen Leiters Jan Meyer sind außergewöhnliche Theaterabende entstanden, an denen Schauspieler mit und ohne Handicap gemeinsam auf der Bühne stehen. Das Programm umfasst eigene Stückentwicklungen wie Schamo Reloaded über Lebensträume und Leistungszwänge und Klassikerbearbeitungen, die um Machtstrukturen und Ausgrenzung kreisen wie Büchners Woyzeck, in dem Dennis Fell-Hernandez und Frangiskos Kakoulakis sehr berührend zwei Seiten des Underdog verkörperten.

Für Angelica Fell ist das Theater ein Herzensprojekt. Das spürt man in jedem ihrer Sätze, wenn sie über »Vielfalt als Gewinn«, ihre Vision einer »bunten Kulturlandschaft « spricht, in der Menschen mit Behinderungen ganz selbstverständlich präsent sind. Davon allerdings sind wir noch weit entfernt. Dazu würde auch eine Kritik gehören, die Theater mit Behinderten nicht immer gönnerhaft wohlwollend rezensiert, sondern über Kriterien verfügt, sich ernsthaft und differenziert damit auseinanderzusetzen. »Wir entwickeln«, meint Fell, »eine eigene Theatersprache, die auf spannende Weise anders ist.« Nach Vorstellungen erzählen ihr Zuschauer oft, dass dies eine völlig neue Erfahrung für sie war. »Zwischen Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und den sogenannten Normalen gibt es kaum Kontakte. Sie leben immer noch in Parallelwelten.« Auch im Publikum trifft man bei der FBM auf eine nicht alltägliche Diversität. »Unser Theater«, glaubt Fell, »könnte eine Leuchtturmfunktion übernehmen.« Ab diesem Jahr erhält es erstmals die städtische Optionsförderung.

Doch nach wie vor fehlt der Bühne eine eigene Spielstätte. Die wenigen anderen Inklusionstheater in Deutschland sind an Behindertenstätten angeschlossen. Das aber kommt für Fell nicht in Frage. »Man spricht gern von einem Schutzraum, aber: Wer wird da eigentlich vor wem geschützt? Wir wollen raus dem Ghetto, mitten hinein in die Gesellschaft.« Luisa Wöllisch hat einen großen Schritt dorthin gemacht. Noch wohnt sie bei ihrer Familie in Tutzing, demnächst aber will sie nach München ziehen. Seit Kurzem arbeitet sie bei der FBM zusätzlich als Schauspielcoach. Sie möchte sich ein zweites berufliches Standbein aufbauen, und sie will auch anderen Mut machen zu zeigen, was in ihnen steckt.

Petra Hallmayer


Freie Bühne München Tel. (089) 2 72 40 03. www.freiebuehnemuenchen.de.

Die Goldfische Kinostart: 21. März.

 

Theater

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